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52 | Wien im Ständestaat
terschaft wurden vom Regime 1934 sogar Postkarten der im Bürgerkrieg beschossenen
Gemeindebauten via Flugzeug über Wien abgeworfen.41
Die Gemeindebauten blieben, trotz einiger Stimmen aus dem konservativen Lager zu
deren Rückbau, weiterhin in ihrer bisherigen Form bestehen. Nur die Umbenennung der
Höfe sollte ab dem 17. Februar 1934 durch eine eigens gegründete Kommission vorge-
nommen werden. Erst 1935/36 wurde mit dieser symbolischen Geste begonnen. Bis dahin
war nur der Karl-Marx-Hof in Heiligenstätter-Hof und der Giacomo-Matteotti-Hof in Giulio-
Giordani-Hof42 umbenannt worden. Weitere Umbenennungen wurden äußerst unsyste-
matisch durchgeführt. Schmitz beließ zudem einige Namen austromarxistischer Politiker
zur politischen Befriedigung der Arbeiterschaft bestehen, beispielsweise den Jakob-Reumann-
Hof.43
2.1.1.4 Internationale Verflechtungen des ständestaatlichen Städtebaus
In den 1930er Jahren konnten sich städtebauliche und -planerische Ideen in den unter-
schiedlichen politischen Systemen der Zwischenkriegszeit etablieren. Insbesondere die
Weltwirtschaftskrise 1929 und das Aufkommen diktatorischer Systeme beeinflussten den
europäischen Städtebau nachhaltig.
Der diktatorische Städtebau in Italien, Deutschland und der Sowjetunion diente vor allem
der Legitimation und Repräsentation von Herrschaft. Er wies eine große Affinität zum
Städtebau absolutistischer Prägung auf, schöpfte aber auch aus Beispielen republikanischer
Systeme, die dessen politische und gesellschaftliche Anliegen weitgehend transportierten,
wie etwa dem Umbau von Washington Anfang des 20. Jahrhunderts. Die diktatorischen
Systeme ließen zudem die städtebaulichen Errungenschaften der politischen Konkurrenz-
systeme in ihre eigenen Projekte einfließen.44
Laut Bodenschatz spiegelte der Städtebau in den Diktaturen zentrale Anliegen wider.
Einerseits eine historisch-politische Absicherung durch die Verklärung der Vergangenheit,
andererseits die Vorspiegelung einer besseren Zukunft. Neben zahlreichen Modellen und
Plänen übernahmen wenige Schlüsselprojekte die Aufgabe, diese Zukunft erlebbar zu
machen und durch schnelles Handeln Tatkraft gegenüber der nahen demokratischen Ver-
gangenheit zu zeigen.45 Die vom Staat durchgeführten Baumaßnahmen erforderten neu-
artige Konzepte der Planung, Lenkung, Beschaffung der Ressourcen und Realisierung,
setzen also insgesamt eine Neuordnung der Verwaltung voraus.46 Dabei wurde, entgegen
41 Maderthaner, 1860 bis 1945, in: Csendes, Opll (Hg.), Wien, Bd. 3: 1790 bis zur Gegenwart, 2006, S. 461.
42 Damit wurde der Namen des 1924 ermordeten italienischen Sozialistenführers Giacomo Matteotti gegen den des 1920
erschossenen italienischen Faschisten Giulio Giordani ausgetauscht. Hans und Rudolf Hautmann sehen darin „eindeu-
tig eine liebesdienerische Geste gegenüber Mussolini, dem „Schirmherrn“ des Ständestaates.“, vgl.: Hautmann, Haut-
mann, Gemeindebauten, 1980, S. 174.
43 Ebd., S. 174–178.
44 Bodenschatz, Diktatur, in: Czech, Doll (Hg.), Propaganda, Ausstellungskatalog, 2007, S. 58.
45 Ebd., S. 48.
46 Ebd., S. 60.
Open Access © 2017 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Wien Köln Weimar
Das Schwarze Wien
Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Titel
- Das Schwarze Wien
- Untertitel
- Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Autor
- Andreas Suttner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien - Köln - Weimar
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20292-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 296
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918