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222 HERRSCHAFT UND UNTERTAN
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Söthoantnit langtrachten, sö thoantwenigstudirn,
sömögengleichschaffen gehnlieberspatzirn;
undwossolltenstrafen, sendsselberdábey:
Drumdarfmáwohlsagn,daßnurgiltdSauerey.
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Imagsnitdásingen, imagsnitverzähln,
gleiwas jetztdieHerrenfüráHändl thoantspieln.
DergmoanMannmußleiden, isweiterkoanGspoas:
WassHándl thoant treibn,dáßderKönignixwoás.
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Thietsenksnitzhártnehmá,undleidtsmitGeduld,
ein jedákanndenká,wirhabnswohlverschuldt.
UndschauindeinBusen, sowirstdu nden:
Wir thoanunsdieRuthenwohlselberbinden.Ende.98
1,4geit]gibt2,1Gmain] (bäuerliche)Gemeinschaft,gemeineLeute3,1Aft]dann3,4strigelt] (eig.miteinem
Striegel, einemgrobenMetallkamm,reinigenddurchbürsten)behandeltgrob7,2 thoant] tun
Ein weiteres Beispiel für diese selten überlieferten Lieder
von unten`, also eines wohl
tatsächlich inderbäuerlichenUnterschichtentstandenenProtestliedsausdem18. Jahr-
hundert, ist das Weegmacherliedt (1772) aus einer Einzelhandschrift. Die metrisch und
stilistisch unbeholfene Dichtung eines unbekannten, wohl auch ungebildeten Autors,
der sich möglicherweise hinter dem Kürzel M. ST. H. verbirgt, wendet sich gegen
die aufgezwungenen Straßeninstandsetzungsarbeiten, die von den Bauern als Robot
oder zur Mautableistung eingefordert wurden. In der oben zitierten Antwort Des Ulri
Oestäreichäs von 1744 wurden die Zwangsarbeiten noch als vergleichsweise unproble-
matischer und letztendlich lohnender Frondienst thematisiert; hier aber bekommt man
ein weitaus realistischeres Bild der Willkür und Unterdrückung. Ort der Handlung ist
das oberösterreichische (Bad) Hall im Traunviertel, wie aus den angeführten Namen
zweifelsfrei zu schließen ist. Als Teil der Hofmarch der landesfürstlichen Herrschaft
Steyr unterstand Hall ursprünglich unmittelbar den habsburgischen Landesfürsten, die
dem Markt umfangreiche Privilegien der Selbstverwaltung, der Abhaltung von Jahr-
und Wochenmärkten und des Mautrechts verliehen, die in den folgenden Jahrhunder-
ten erbittert verteidigt wurden.99 Eines dieser Rechte war die Zwangsverp ichtung zu
Hand- und Spanndiensten für die Erhaltung der Haller Infrastruktur, die bei den um-
liegenden Bauern selbstredend auf wenig Gegenliebe stieß. Schlimmer noch aber als
der unbezahlte Dienst selbst, der bei den ständig durch Witterung, Abwässer und Be-
fahrung belasteten Schotterstraßen unumgänglich war und als Mautersatz verrechnet
wurde, schien das überhebliche und rücksichtslose Verhalten der bezahlten Aufpasser
und Vorarbeiter. Dementsprechend ergeht sich der Sprecher des Lieds nach der Klage
überdiePlackerei inGewaltfantasiengegendieAufpasser, zunächst lediglichalsprivate
Initiative (Str.6),dannaberalsAufforderunganseineLeidensgenossen:
98 Ebda.,S.218f.
99 Vgl. Annemarie Schmölzer: Die Handwerkersiedlung Hall. Vorläufer des heutigen Bad Hall. In: Oberös-
terreichischeHeimatblätter38(1984),H.3,S.271 285.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen