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234 HERRSCHAFT UND UNTERTAN
von den Wildschützen intendiert war oder nicht eher eine nachträgliche Zuschreibung
darstellt,muss fraglichbleiben.122
In der literarischen Verarbeitung der Wilderer-Thematik entstanden ab dem frühen
18.JahrhundertauchdialektaleLieder,diegrobinzweiTypenunterteiltwerdenkönnen:
Der erste ist der Typus des sozialkritischen Wildererlieds, in dem meist der Triumph
des Wilderers über die Jäger im Mittelpunkt steht, die verjagt, bestraft, gedemütigt oder
sogar getötet werden. Neben eher realitätsfernen Liedern, in denen Wunschvorstellun-
gen und Aggressionen der Minderprivilegierten auf die idealisierte Figur des Wilderers
übertragenwerden, ndensichTexte,dienahandenbeschriebenenEreignissenbleiben
und diese nicht im Nachhinein verklären. Dementsprechend werden in der Darstel-
lung auch die schweren Lebensbedingungen der Wilderer oder die zu befürchtenden
Strafen mit der unerschrockenen Selbstbehauptung des Wilderers und der Kritik bzw.
Verspottung der Obrigkeit verbunden. Der zweite Typ kann als idyllisierend-unterhal-
tendes Wildererlied beschrieben werden, das ab dem späten 18. Jahrhundert reüssierte.
Die Konfrontation mit den Jägern und der damit verbundene zumindest latente Pro-
test gegen die Obrigkeit fallen nun weg. Zurückgeführt werden könnte dieser Wandel,
sovermutetHochradner,auchaufdiepolitischenVeränderungenum1800,diedasWil-
dernmitmilderenStrafenbelegteunddamitderKonfrontationdieSchärfenahm.123Im
Gegenzug ndet man in diesen Liedern immer stärker die (auch schon zuvor teilweise
anklingende) Verbindung mit romantisierenden und erotisch eingefärbten Almen-
und Sennerinnen-Motiven. Die Verbindung zwischen Sennin und Wildschütz wird vor
allem im 19. Jahrhundert zur geradezu prototypischen Konstellation, mit der die ro-
mantische Vorstellung binnenexotischer Naturwüchsigkeit 124 und ein verklärtes Bild
promiskuitiverLiebeverbundenwurden.
Während sich stoffgeschichtlich also um die Jahrhundertwende das Gewicht vom
ersten zum zweiten Typus verlagerte, sind beide Ausformungen in den Jahrzehnten
davor gleichwohl präsent. Schon um 1750 gibt es harmlos-romantisierende Texte und
noch aus den 1790er Jahren nden sich deutlich aggressive, beinah revolutionäre Töne.
In unserem Untersuchungsbereich aber dominiert die zumindest aufmüp ge, oft auch
deutlichrebellischeHaltungdesWilderers,dersichnichtsausderObrigkeitmachtund
mit Leichtigkeit über die Jäger triumphiert sei es in populären Liedern der Volks-
kultur oder auch in hochkulturellen` Verarbeitungen. Beispiel für Letzteres ist etwa ein
WildschützenliedausdemSingspielDieHochzeitaufderAlm(1768)vonFlorianReichs-
siegel (1735 1793) und Michael Haydn (1737 1806), in dem ländliche Idylle mit einer
grundsätzlichen Aufsässigkeit oder zumindest Sorglosigkeit des Wilschützen verbun-
122 Vgl.dazu insbesondersDanker,GeschichtederRäuberundGauner,S.186.
123 Vgl.Hochradner,AlpenländischerSingstil, S.140.
124 Vgl.HubertGrininger:DaWegzumeinDirndl isstoani ... LiebeundErosinderalpenländischenVolks-
musikvon1800biszumAustropop.Graz:EditionStrahalm1997,S.7f.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen