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4 LAND- UND STADTLEBEN
Seit Mundart bewusst als von standardsprachlichen Formen abgehobenes literarisches
Mittel imbairisch-österreichischenSprachraumverwendetwird,dientsievorrangigzur
Charakterisierung eines nicht-privilegierten, unterschichtennahen Umfelds. Durch die
dialektale Formulierung konnte hier im Abgleich von Ausdruck und Lebensraum bzw.
sozialerStellungdesSprecherseineweitausrealistischereSzeneriegeschaffenwerdenals
mit standardnaher, mündlichkeitsferner Literatursprache. Die autochthone Sprachform
signalisierte zum einen die Authentizität des im Fiktionalen Vorgeführten, suggerierte
also soziale Lebenswahrheit für einen regional zuordenbaren Kontext. Zum anderen
aber (und besonders stark im mehrheitlich katholisch geprägten Süden des deutschen
Sprachgebiets) hob sie früh auch bereits komisierend auf die Inkompetenz des Spre-
chers ab, in gewissen Situationen die angemessene Sprachform zu wählen, also auf das
Unvermögen, literal` zu denken und sich der (dialektale Varianten überdachenden)
Schriftsprache zu bedienen.1 Nicht also die Mundart an sich bot den Anreiz zum La-
chen; denn diese war im Alltag die bevorzugte Sprachvarietät aller Sozialschichten bis
hin zu den Spitzen der Gesellschaft.2 Es war die intellektuelle Distanz zu den Usancen
der Schriftkultur, die als dominantes Kennzeichen des Dialektsprechers im pejorisie-
renden Sinn ebenso wie als positiv konnotierter Mehrwert in literarischen Texten zur
Geltung kam. Dass dies seit den Anfängen im 17. Jahrhundert vor allem bei Figuren
aus ländlichen Gegenden zu beobachten ist, kann schon angesichts der damaligen Be-
völkerungsverteilungundderäußerst limitiertenBildungsmöglichkeitenimstadtfernen
Raum nicht verwundern. Noch im Jahr 1800, nach Jahrzehnten der staatlich geförder-
tenPropagandagegendiedialektaleAlltagssprache,konstatiertederoberösterreichische
BenediktinerMatthiasHöfereinenalleSchichtenumfassendenGebrauchderMundart,
differenzierteaberdrei strati katorischeAusprägungen:
Die Sprache an sich selbst betrachtet, richtet sich nach der Verschiedenheit des Standes. Gleich-
wie die Art, sich zu kleiden, nach dem Ausdrucke des Pöbels, dreyfach ist: 1) städterisch oder
herrisch; 2) markisch, wie es unter gemeinen Bürgern in den Markt ecken üblich ist; und 3)
bäurisch.Ebensoverhält es sichauchmitderArtundWeise, imRedensichauszudrücken.3
1 Zu der mediengeschichtlichen Differenzierung zwischen oraler und literaler Komposition, der Abgren-
zung von Phänomenen der literarischen Mündlichkeit zu jenen der Schriftlichkeit bzw. den bewusstseins-
theoretischenImplikationendesWechselsvoneineroralenzueiner
überlegenen` literalenKulturvgl.u.a.
Walter J. Ong: Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes. Opladen: Westdeutscher Ver-
lag 1987. Ludwig Jäger: DerSchriftmythos. Zu den Grenzen der Literalitätshypothese. In: Ludwig Jäger/
Erika Linz (Hg.): Medialität und Mentalität. Theoretische und empirische Studien zum Verhältnis von
Sprache,SubjektivitätundKognition.München:Fink2004,S.327 345.
2 Vgl.PeterWiesinger:DasVerhältnisvonDialektundSchriftspracheinÖsterreichunddieliterarischeVer-
wendungvonDialektvom16.biszum18. Jahrhundert. In:ChristianNeuhuber/ElisabethZehetner(Hg.):
Bairisch-österreichischerDialektinLiteraturundMusik1650 1900.Graz:Leykam/Universitätsverl.2015,
S.9 39,S.16f.
3 MatthiasHöfer:DieVolksspracheinOesterreichvorzüglichobderEns,nachihrer innerlichenVerfassung
undVergleichungmitanderenSprachen.Wien:Binz1800,S.56.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen