Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Geschichte
Historische Aufzeichnungen
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Page - 249 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 249 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte

Image of the Page - 249 -

Image of the Page - 249 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte

Text of the Page - 249 -

4 LAND- UND STADTLEBEN Seit Mundart bewusst als von standardsprachlichen Formen abgehobenes literarisches Mittel imbairisch-österreichischenSprachraumverwendetwird,dientsievorrangigzur Charakterisierung eines nicht-privilegierten, unterschichtennahen Umfelds. Durch die dialektale Formulierung konnte hier im Abgleich von Ausdruck und Lebensraum bzw. sozialerStellungdesSprecherseineweitausrealistischereSzeneriegeschaffenwerdenals mit standardnaher, mündlichkeitsferner Literatursprache. Die autochthone Sprachform signalisierte zum einen die Authentizität des im Fiktionalen Vorgeführten, suggerierte also soziale Lebenswahrheit für einen regional zuordenbaren Kontext. Zum anderen aber (und besonders stark im mehrheitlich katholisch geprägten Süden des deutschen Sprachgebiets) hob sie früh auch bereits komisierend auf die Inkompetenz des Spre- chers ab, in gewissen Situationen die angemessene Sprachform zu wählen, also auf das Unvermögen, ‚ literal` zu denken und sich der (dialektale Varianten überdachenden) Schriftsprache zu bedienen.1 Nicht also die Mundart an sich bot den Anreiz zum La- chen; denn diese war im Alltag die bevorzugte Sprachvarietät aller Sozialschichten bis hin zu den Spitzen der Gesellschaft.2 Es war die intellektuelle Distanz zu den Usancen der Schriftkultur, die als dominantes Kennzeichen des Dialektsprechers – im pejorisie- renden Sinn ebenso wie als positiv konnotierter Mehrwert – in literarischen Texten zur Geltung kam. Dass dies seit den Anfängen im 17. Jahrhundert vor allem bei Figuren aus ländlichen Gegenden zu beobachten ist, kann schon angesichts der damaligen Be- völkerungsverteilungundderäußerst limitiertenBildungsmöglichkeitenimstadtfernen Raum nicht verwundern. Noch im Jahr 1800, nach Jahrzehnten der staatlich geförder- tenPropagandagegendiedialektaleAlltagssprache,konstatiertederoberösterreichische BenediktinerMatthiasHöfereinenalleSchichtenumfassendenGebrauchderMundart, differenzierteaberdrei strati katorischeAusprägungen: Die Sprache an sich selbst betrachtet, richtet sich nach der Verschiedenheit des Standes. Gleich- wie die Art, sich zu kleiden, nach dem Ausdrucke des Pöbels, dreyfach ist: 1) städterisch oder herrisch; 2) markisch, wie es unter gemeinen Bürgern in den Markt ecken üblich ist; und 3) bäurisch.Ebensoverhält es sichauchmitderArtundWeise, imRedensichauszudrücken.3 1 Zu der mediengeschichtlichen Differenzierung zwischen oraler und literaler Komposition, der Abgren- zung von Phänomenen der literarischen Mündlichkeit zu jenen der Schriftlichkeit bzw. den bewusstseins- theoretischenImplikationendesWechselsvoneineroralenzueiner ‚ überlegenen` literalenKulturvgl.u.a. Walter J. Ong: Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes. Opladen: Westdeutscher Ver- lag 1987. – Ludwig Jäger: DerSchriftmythos. Zu den Grenzen der Literalitätshypothese. In: Ludwig Jäger/ Erika Linz (Hg.): Medialität und Mentalität. Theoretische und empirische Studien zum Verhältnis von Sprache,SubjektivitätundKognition.München:Fink2004,S.327– 345. 2 Vgl.PeterWiesinger:DasVerhältnisvonDialektundSchriftspracheinÖsterreichunddieliterarischeVer- wendungvonDialektvom16.biszum18. Jahrhundert. In:ChristianNeuhuber/ElisabethZehetner(Hg.): Bairisch-österreichischerDialektinLiteraturundMusik1650– 1900.Graz:Leykam/Universitätsverl.2015, S.9– 39,S.16f. 3 MatthiasHöfer:DieVolksspracheinOesterreichvorzüglichobderEns,nachihrer innerlichenVerfassung undVergleichungmitanderenSprachen.Wien:Binz1800,S.56.
back to the  book Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Title
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Subtitle
Eine andere Literaturgeschichte
Authors
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2019
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
652
Keywords
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Categories
Geschichte Historische Aufzeichnungen
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800