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KOMISIERUNG UND DISKREDITIERUNG LÄNDLICHER TYPEN 267
das ist gleich gar nichts. Was Mitleiden? Dieb' braf g'henkt, und Bauern braf g'straft. Für was
wärdenndieG'rechtigkeit?Denken'snur,widerdieTorturenschreiben'säalleweil.26
Institutiones] oströmisches Rechtslehrbuch Pandekten] spätantike Kompilation aus Werken römischer
Rechtsgelehrter Corpus juris] Kodi kation des Römischen Rechts im Auftrag Kaiser Justinians g'notelt] (ge-
bührenp ichtig)gerichtlichaufnehmenundeintragen ä]auch
Die positiv gezeichneten Figuren dagegen und dazu gehören die unterdrückten, doch
moralisch überlegenen Bauern sprechen hochdeutsch. Diese verquere Registervertei-
lung basiert wohl auf dem aufklärerischen Ansatz der Sprachreiniger, dass nur recht
denken und sich dementsprechend verhalten könne, wer auch richtig also in einem
gep egtenStandard spricht.27
KomisierungundDiskreditierung ländlicherTypen
Bereits in den oben angeführten Beispielen sind Lob und Tadel des Bauernlebens zu-
meist auch humoristisch akzentuiert, ohne dass dies die eigentliche identitätskonstitu-
tive oder sozialdisziplinierende Intention konterkarieren würde. Weitaus häu ger frei-
lich begegnet uns der Mensch aus dem ruralen Gebiet als dialektliterarische Figur in
einemdominantkomischenKontext.SchondasersteumfangreichereDokument für li-
terarisierte Bairisch-Österreichische Mundart, das in einer Regensburger Abschrift von
1618überlieferteFastnachtspielVondemHänslFrischenknecht ausdemWienerJesuite-
numfeld, bringt mit dem Bauer als Soldat`-Motiv einen höchst erfolgreichen Typus auf
die Bühne (vgl. Kap.2, S.267). Als miles gloriosus` inszeniert etwa ein 1703 gedruck-
tes sehr fröhlich Feld- und Bauren-Liedlein den hertzhafften Bauern-Knecht Hanß
Felber, dessen großmäulige Ankündigungen erst ihrer Umsetzung harren. Von anderen
WerbeliederndieserZeithebtes sichdurchdeutlicheIroniesignaleab:
1
Fort ihrBuben/vonKrautundRuben/seydsallewohlauff/
ichHanßFelber /gehmeinAydselber / insReichgarhinauff/
schautsderSommer/gehtgleichherumer/he lustigpräffGeld/
Werwill lehren/dieBüchsenumbkheren/ziehheunt insFeld.
2
HaußundAcker /verlaß ichwacker /undgheymichnichtsdrum/
greintmeinGredl / ichschlagszumschedl /daßdaumeltherum/
gehtsauffdSeiten/undstehtsvonweiten/meinBüchsengschwindher/
Kugelgiessen/zweydreymahlschiessen/daßdonnert sosehr.
26 Karl von Eckartshausen: Liebrecht und Hörwald oder: So geht's zuweilen auf dem Lande. Ein Schauspiel
indreiAufzügenbearbeitetnachShakespear.München: JohannBapt.Strobl1783,S.17f.
27 Vgl. Ulrich Knoop: Zur Begrifflichkeit der Sprachgeschichtsschreibung: Der Dialekt` als Sprache des ge-
meinen mannes` und die Kodi kation der Sprache im 18. Jahrhundert. In: Horst Haider Munske [u.a.]
(Hg.): Deutscher Wortschatz. Lexikologische Studien. Ludwig Erich Schmitt zum 80. Geburtstag von sei-
nenMarburgerSchülern.Berlin/NewYork:deGruyter1988,S.336 350,hier344f.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen