Seite - 268 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Bild der Seite - 268 -
Text der Seite - 268 -
OpenAccess © 2019byBÖHLAUVERLAGGMBH&CO.KG,WIENKÖLNWEIMAR
268 LAND- UND STADTLEBEN
3
Veitlpackdi /meinAyd/ ichhackdi / stehbesserhintan/
sechsFrantzosen/ ichtreibnurPossen/dieschlag ichgleichzsamm/
wieKrautstingel / ichachtkeinDingel /wannsBlutgleichherrint/
hecuranti /meinKopff isthantig /meinBüchsengargschwind.
[...]
10
VaterundMutter /meinSchwesterundBruder / sobhüteuchhalt GOtt/
keinerkommtwoll /bißdaßerSäckvoll /präffThallergnughat/
afftwerdshören/daßwirseyndHerren/undnichtBauern-Knecht/
StößundGelde/garkeinsnicht fehlte /wannmantapffer fecht.
1,2 mein Ayd] bei meinem Eid (Beteuerungsformel) 1,3 herumer] vorüber 2,1 ghey] schere, kümmere 3,4 he
curanti]Anfeuerungsruf (Variationzu hecourage`)10,3 afft]dann
Der Versuch, die Standesgrenzen durch eine militärische Karriere zu überschreiten, da-
mit jedoch gegen Gottes Ordnung zu verstoßen, steht im Zentrum der Bauernschelten,
die die ungebührliche bäuerliche Aufstiegssehnsucht ins Lächerliche ziehen. Im Unter-
schied zu den Klagen und Lobliedern übernimmt der Bauer in diesen Texten meist
nicht die Rolle des selbst für sich sprechenden Ich, sondern jene des angesprochenen
Spottobjekts oder des verlachten Dritten. Am Beispiel seines versuchten Ausbruchs aus
den gegebenen Umständen wird das voraussehbare Misslingen gezeigt, das zur Läute-
rung führt bzw. die Lächerlichkeit derartiger Bemühungen unterstreicht. Das folgende
Beispiel ndet sich in einer Ariensammlung zu einem über die Gesangsteile hinaus-
gehend nicht überlieferten Singspiel. Darin beklagen Hießl und Stöf , zwei Knechte,
die der Bauer nur durch Schimpftiraden zur Arbeit treiben kann, ihre bedauernswerte
Existenz und den harten Arbeitsalltag, sehen aber eine Chance im Soldatenleben und
lassen sich anwerben. Bald jedoch müssen sie sich belehrt und bekehrt wieder beim
BauernHannßein ndenundinreumütigemToneinräumen,einenFehlerbegangenzu
haben. Dieser nimmt sie wieder bei sich auf, lässt es sicher aber nicht nehmen, ihnen
eineMoralredezuhalten,dierasch intriumphierendenSpottübergeht:
Hannss.
Sogehtsäm,wannmäzhohwill steign,
Wirdmägaoftbötrogn.
Zerst isdäHimmelvolläGeign,
Undz'lötzt isalsdälogn.
Izt stengänd'Limmelndadä,wiesklainiKindbeimKo,
ErsthamswällnHerrnspilln,undizthatd'FreudäLo.
Imueßnädribä lachä ha ha
OeswardsschonrechtiHe he herrn
DösDing isvölli gspassi hi hi
Izt fangäns jaanzroho ho hozen,
WiesKindlohneLu Lu Lu Lu 28
5 Ko]Koch,Brei8 Oes] ihr10 zrozen]zuweinen
28 Stiftsbibliothek St. Florian, II-17-65 W108, S.13. Da das einzige bekannte Exemplar ohne Titelblatt erhal-
ten ist, sind Handlung, Titel sowie Entstehungsort und -jahr unbekannt. Zentrale Elemente waren neben
dem Bauernspott parodistische Typenbilder und eine Variation des beliebten Soldatenwerbethemas. Das
Stück dürfte zwischen 1775 und 1785 entstanden sein; die Erwähnung eines Vesuvausbruchs in der elften
AriewirdsichaufdieEruptionvon1774beziehen.
zurück zum
Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen