Seite - 277 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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KOMISIERUNG UND DISKREDITIERUNG LÄNDLICHER TYPEN 277
ein opportunistischer Blender, der mit unsinnigen lateinischen Floskeln einzuschüch-
tern weiß und wie er im Eingangsmonolog offen bekennt den Rechtsstreit in die
Längedehnt,umseineneinfältigenKlientendasGeldausderTaschezuziehen.Einnur
zu bereitwilliges Opfer ndet er im Bauer Wästl, der glaubt, mit Bestechungsgeschen-
kendenProzesszuseinenGunstenlenkenzukönnen.Dochebendasdazuvorgesehene
Kalbmacht ihmRiepl streitig:
Wästl. Nä mein Keibel gib ich nit her; SKeibel laß ich nit, Ehe ich mein Keibel laß, ehe laß ich
haar.
Riepel. willnitvill langgschraymachenmitdir.
Wästl. Auwehe mein Keibel! Lasß da sagi, mein Keibel, No No, warth nur du falscher ögl du,
so wirst das Keibel nit da lassen? hat der falsch heider alleweil than, alß wan er mein besster
freindt währ, vnd iezt Nimbt er mirs Keibel ohn als gfähr ä so weckh, vnd schlögt mich No
darzue. hä! hä! es gfält mir gleichwoll woll, daß ich ihm ä so guets in Pinckhl hab geben dem
diebdemfalschen,demNichtnuzigen. IchwilldichSchon ndenbeimrichtä.
Riepel. Ja! Ja!gehenurhinverkhlagmich.
Wästl. Iez han ich die Kroissen ä verlohrn mit dem dieb, wie wirdt ich iez bstehn vor dem doc-
tor? Poz da Kombt er dä doctor. Das ist guett: du warth ain weni mit dem Keiblä! Gstrenger
Herr doctor Rättich, der Kärl hat mirs Keibel weg genommen, ich habs dem Herrn doctor
Schenckhen wollen, Es ghört dem Herrn doctor zue, wirdt sy ia der Herr doctor drumb an-
nemmä?
Riepel. StrengerHerrdoctordöhundtsNasen istmirSchuldig,SKeiblGhörtmirZue.
Doctor. IhrhabtsvilleichtainemandernSchenckhenwollen? ichhaißnitderdoctorRattich.
Wästl. Jo,derherrdoctor ist iader,dersichalleweill sostarckhannimbtvmbMich?
Doctor. Ichkheneuchwoll, aber ichhaißnitderdoctorRattich, ichhaißderdoctorKrenn.
Wästl. Nogarrecht,derdoctorKrennoderderdoctorRattich,dädeüfel, ichhabiawollgwisst,
daß ä bittere Wurzen ist, vnd hat mir nit ein wölln fahln. Ja schau der her doctor wo das nit
wideralleGerechtigkheit,widerGott,vndwideralleseiniZechenGebott ist,daßermirsKeibl
so leichtfärtiger weiß weegNimbt, vnd ich bin ihms nit Schuldig. gib her SKeibl, siechst den
StrengenHerrndoctorda?
Riepel. Strenger Herr doctä SKeibel gib ich nit her, er ist mirs Schuldig, sein Kue hat mir mein
Keibel derstossen, so mueß er mir Ja auf mein Aidt ain anders Keibel geben, Ich khans ia nit
einbiessen.
Doctor. es braucht nit vill disputiren, wir wölln baldt wissen; wem das Keibel angehörig ist:
wessen istdieKue, sodasKalbgetragenhat?
Wästl. Meinists.GstrengerHerrdoctor.
Doctor. sogehörtdasKalbauchEuer.
Wästl. Siechst? ich hab ihms ä sagn wölln, er hat mirs aber nit glaubt. Schau wan ich iez des
Strengen Herrn doctor nit verschonet, so wolt ich dirs ä so machen; vnd wolt di so Klain ap-
rigln,daßdusPfaffenbegernmögst.
Doctor. Gmach:Gueter freundt ihrhabtnhandlverlohrn.
Riepel. Jaesmögtsain iezvorschmäzen,waswölt; ichgibsKeibelnither,SKeibl istmein.
Doctor. Ihr Paurn ögl gibt acht mit wem ihr redt, da will ichs euch auß dem buech aufweisen;
daß ihr vnrecht habt. Also. Partus Sequitur Uentrem, das haist wem die Kue zuegehört, dem
gehörtdasKalbauchzue.
Riepel. Jadas istainanderswansbuechsagt.
Wästl. Herrdoctorwirwöllennit langdisputirenmitihm,wirwöllnihnNurgleichbriglen,vnd
wasNomehr ist, istmirä inshaarvndinParthblazt,wasderffstumir inmeinBarthgreiffen?
wasgehtdichMeinbarthan?washastdu inmeimbarthzsuechen?
Doctor. Ist das ding wahr? so habt ihr 6. daller Straff verfallen; will euchs auch auß dem buech
aufweisen, daß euch nit vnrecht gschicht. hörth! qui sentit Commodum; sentiat et onus; das
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen