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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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BERUFS- UND STANDESLIEDER 301 Berufsstandeslieder setzen also Teile der Bevölkerung über die gemeinsame Zugehörig- keit zu einer Berufsgruppe ins Bild und sind üblicherweise durch „ [d]ie dominierende Ich-Form,dieSelbstdarstellungunddiepersonenbezogeneSchilderungdesTuns“ 86 ge- kennzeichnet. Im Folgenden allerdings wird das Genre – da es an einer verbindlichen systematischen Terminologie mangelt – offener ausgelegt: Zum einen wird die Ich- Form, auch wenn sie freilich dominant ist, nicht als notwendiges Charakteristikum ge- sehen; darüber hinaus geht es in den betreffenden Liedern gerade nicht um Personen, sondernumTypenbzw.repräsentative(oderalsrepräsentativdargestellte)Vertreter.Die EinzelpersonverschwindetgeradezuhinterderGruppe.Dasheißtnicht,dassindividuell dasLebenbeein ussendeAspektenichtangesprochenwerden,wieetwabereitsdieBau- ernklagen gezeigt haben, doch gilt das Augenmerk dem Berufsstand als Einheit. Vom Genre abzugrenzen ist dabei das Arbeitslied im Sinne einer die Arbeit begleitenden, einleitendenoderrhythmischstrukturierendenForm(sieheKapitel6).Anzutreffensind sowohlLobalsauchSpott,wobeiinbeidenFällenzumeistaucheinehumoristischeNote ein ießt. Thematisiert werden dabei einerseits Charakteristika des spezi schen Stands, sein Stellenwert für die Gesellschaft und die Wichtigkeit in jedermanns Alltag; ande- rerseits werden typisierte Klischees verarbeitet, Karikaturen gezeichnet und dem Stand nachgesagteFehlerkritisiert. Ein Beispiel für ein af rmatives Standeslied mit Außenperspektive ist ein in der Stu- benberger Liederhandschrift überliefertes siebenstrophiges Weberpreislied, das die Be- deutungdesStandsherauszustreichensucht.Derinhaltlichwieästhetischanspruchslose Textvonlinkischer,unprofessionellerBauartbeginntimmahnendenTon,dermangeln- den Respekt vor dem Berufsstand unterstellt und auf dessen Stellenwert aufmerksam macht.BereitsdieEingangsstrophehebtnichtgeradebescheidenan: Kimbtmirrechtartlävür,wanichsBetracht, wanmandeswebersseinarbeithveracht, ist jakeinMenschaufdererd, derohneweberarbeithgeht, fürstenundgraffen, Müessensauchhaben,87 1 artlä] seltsam,merkwürdig Mit der hier konstatierten Erklärung, dass kein Mensch ohne die Arbeit der Weber auskomme, und dem allgemeinen Tenor des Textes ist auch ohne Ich-Perspektive na- hegelegt, dass das Lied aus der Feder eines Standesangehörigen stammt. Neben den Fürsten und Grafen werden im Folgenden auch verschiedene Personen und Gruppen aufgezählt, denen die Arbeit der Weber dienlich bzw. gar unabdingbar ist. Vor allem in Strophe drei wird die umfassende – und quasi das ganze Leben umspannende – Ge- brauchsnotwendigkeitdervonihrerHanderzeugtenProdukteangesprochen, indemauf den Einsatz von Gewebtem bei Geburt wie Beerdigung verwiesen wird. Zuletzt wird 86 Deutsch/Haid/Zeman,DasVolkslied inÖsterreich,S.65ff. 87 BayerischeStaatsbibliothek,Cod.germ.7340(StubenbergerGesängerbuch),Teil2,S.36.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800