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BERUFS- UND STANDESLIEDER 301
Berufsstandeslieder setzen also Teile der Bevölkerung über die gemeinsame Zugehörig-
keit zu einer Berufsgruppe ins Bild und sind üblicherweise durch [d]ie dominierende
Ich-Form,dieSelbstdarstellungunddiepersonenbezogeneSchilderungdesTuns 86 ge-
kennzeichnet. Im Folgenden allerdings wird das Genre da es an einer verbindlichen
systematischen Terminologie mangelt offener ausgelegt: Zum einen wird die Ich-
Form, auch wenn sie freilich dominant ist, nicht als notwendiges Charakteristikum ge-
sehen; darüber hinaus geht es in den betreffenden Liedern gerade nicht um Personen,
sondernumTypenbzw.repräsentative(oderalsrepräsentativdargestellte)Vertreter.Die
EinzelpersonverschwindetgeradezuhinterderGruppe.Dasheißtnicht,dassindividuell
dasLebenbeein ussendeAspektenichtangesprochenwerden,wieetwabereitsdieBau-
ernklagen gezeigt haben, doch gilt das Augenmerk dem Berufsstand als Einheit. Vom
Genre abzugrenzen ist dabei das Arbeitslied im Sinne einer die Arbeit begleitenden,
einleitendenoderrhythmischstrukturierendenForm(sieheKapitel6).Anzutreffensind
sowohlLobalsauchSpott,wobeiinbeidenFällenzumeistaucheinehumoristischeNote
ein ießt. Thematisiert werden dabei einerseits Charakteristika des spezi schen Stands,
sein Stellenwert für die Gesellschaft und die Wichtigkeit in jedermanns Alltag; ande-
rerseits werden typisierte Klischees verarbeitet, Karikaturen gezeichnet und dem Stand
nachgesagteFehlerkritisiert.
Ein Beispiel für ein af rmatives Standeslied mit Außenperspektive ist ein in der Stu-
benberger Liederhandschrift überliefertes siebenstrophiges Weberpreislied, das die Be-
deutungdesStandsherauszustreichensucht.Derinhaltlichwieästhetischanspruchslose
Textvonlinkischer,unprofessionellerBauartbeginntimmahnendenTon,dermangeln-
den Respekt vor dem Berufsstand unterstellt und auf dessen Stellenwert aufmerksam
macht.BereitsdieEingangsstrophehebtnichtgeradebescheidenan:
Kimbtmirrechtartlävür,wanichsBetracht,
wanmandeswebersseinarbeithveracht,
ist jakeinMenschaufdererd,
derohneweberarbeithgeht,
fürstenundgraffen,
Müessensauchhaben,87
1 artlä] seltsam,merkwürdig
Mit der hier konstatierten Erklärung, dass kein Mensch ohne die Arbeit der Weber
auskomme, und dem allgemeinen Tenor des Textes ist auch ohne Ich-Perspektive na-
hegelegt, dass das Lied aus der Feder eines Standesangehörigen stammt. Neben den
Fürsten und Grafen werden im Folgenden auch verschiedene Personen und Gruppen
aufgezählt, denen die Arbeit der Weber dienlich bzw. gar unabdingbar ist. Vor allem
in Strophe drei wird die umfassende und quasi das ganze Leben umspannende Ge-
brauchsnotwendigkeitdervonihrerHanderzeugtenProdukteangesprochen, indemauf
den Einsatz von Gewebtem bei Geburt wie Beerdigung verwiesen wird. Zuletzt wird
86 Deutsch/Haid/Zeman,DasVolkslied inÖsterreich,S.65ff.
87 BayerischeStaatsbibliothek,Cod.germ.7340(StubenbergerGesängerbuch),Teil2,S.36.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen