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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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OpenAccess © 2019byBÖHLAUVERLAGGMBH&CO.KG,WIENKÖLNWEIMAR 326 LAND- UND STADTLEBEN Lokal-undGesellschaftssatiren Generell ist in diesen dialektalen Sitten- oder Modebildern fast immer die Stadt Aus- gangspunkt der Dekadenz und Kontrastbild zum (leicht korrumpierbaren) Ländlichen. Aber nicht nur hier dienten die merkwürdigeren Aspekte des urbanen Alltags als Sujet. Ab den 1770er Jahren kamen auch vermehrt satirische Texte im narrativen oder quasi- dramatischen Modus auf den Markt, die typischen Mustern des jeweiligen Stadtspezi- schen nachspürten und sie zur Belustigung des Lesepublikums aufarbeiteten. Beliebt waren etwa Seitenhiebe auf Emporkömmlinge, die durch Heirat oder Protektion zu Lebensumständengekommensind,dieihrereigentlichenSozialisationvölligwiderspre- chen, gleichwohl aber eine prononcierte Noblesse an den Tag zu legen. Ein witziges Beispiel stammt aus der Zeit der Broschüren ut (und wird auch in Blumauers Streit- schrift gegen die Unzahl an schriftstellerischen Belanglosigkeiten explizit genannt): In Das Lamentabel der gnädigen Frauen über die Fatalitäten der gegenwärtigen Zeit des aus OlmützgebürtigenLehrersJohannStrommer(1749– 1812)zeigtsicheine ‚ gnädigeFrau von N.` begeistert von einem dieser Tagesschreiberlinge und setzt einen Fanbrief auf, der in Ton, Form und Ausdruck in krassem Widerspruch zu ihrem affektierten Ge- tue steht. Nicht nur, dass die Elementaria des Schrifterwerbs beinahe spurlos an ihr vorübergegangen zu sein scheinen, klingt auch in den bemühten Formulierungen der Alltagsdialekt unmissverständlich durch. So unverständlich wirkt das Geschreibsel auf den ersten Blick, dass der ktive Herausgeber sich bemüßigt fühlte, Erläuterungen und Übersetzung„ ausdemWienerDeutsch– inDeutschlandDeutsch“ beizusteuern: Ser fererlicherman gnetigerherauder. [...] neme se mers nit ibl, i hob fon irer schrld kherd, wie doß se sick ter woreit oneme unt die kliga- dure ter Didel a wenik ausnonter klaupen weln, neme se mers nit in ibel, i sick mai gomermetl um a su a bichel und zuer glan aufmunderunk ires shmis da shig i ine an gremizer Dugoden unt an gultn ih lipe die gellerten besonters die gsheiten und solner gor wenik sain gomen se zmir tuns mer die knot an ih won aufm krapen No. im 00. stok re[k]ter hont swert mer a unentlich fergniken mochn se fan berson zu köne oter wulns irm le beimer zmidag obleke so bin ih mid alerhochachdunk knätigerherauder winten 26.Yauni ihrezerdliche FrauvonLiebstall. n. sekumes gwiß meiher isnit zhaus. *) *) Ich will hundert von gegen einen Gnädigen verwetten, daß Mancher diesen Brief, der wohl die beste Stelle im Pöstbüchel hätte, nicht lesen könnte, ohne den Abschreiber so vieler Schreibfehler zu beschuldigen; aber ich betheure es bey meiner Kopistenseele! der Brief war buchstäblichvondergnädigenFrausogeschrieben.ManfragenureinenHauslehrer;erwirds auf seine Seele abschwören, daß die Kinder lernen, bis ihre Kinder wieder lernen, und wissen doch nichts: heus tu capacitas! – Ich will ihn also aus dem Wiener Deutsch – in Deutschland Deutschüberschreiben.Ermagso lauten: SehrverehrlicherMann, GnädigerHerrAutor!
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800