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326 LAND- UND STADTLEBEN
Lokal-undGesellschaftssatiren
Generell ist in diesen dialektalen Sitten- oder Modebildern fast immer die Stadt Aus-
gangspunkt der Dekadenz und Kontrastbild zum (leicht korrumpierbaren) Ländlichen.
Aber nicht nur hier dienten die merkwürdigeren Aspekte des urbanen Alltags als Sujet.
Ab den 1770er Jahren kamen auch vermehrt satirische Texte im narrativen oder quasi-
dramatischen Modus auf den Markt, die typischen Mustern des jeweiligen Stadtspezi-
schen nachspürten und sie zur Belustigung des Lesepublikums aufarbeiteten. Beliebt
waren etwa Seitenhiebe auf Emporkömmlinge, die durch Heirat oder Protektion zu
Lebensumständengekommensind,dieihrereigentlichenSozialisationvölligwiderspre-
chen, gleichwohl aber eine prononcierte Noblesse an den Tag zu legen. Ein witziges
Beispiel stammt aus der Zeit der Broschüren ut (und wird auch in Blumauers Streit-
schrift gegen die Unzahl an schriftstellerischen Belanglosigkeiten explizit genannt): In
Das Lamentabel der gnädigen Frauen über die Fatalitäten der gegenwärtigen Zeit des aus
OlmützgebürtigenLehrersJohannStrommer(1749 1812)zeigtsicheine gnädigeFrau
von N.` begeistert von einem dieser Tagesschreiberlinge und setzt einen Fanbrief auf,
der in Ton, Form und Ausdruck in krassem Widerspruch zu ihrem affektierten Ge-
tue steht. Nicht nur, dass die Elementaria des Schrifterwerbs beinahe spurlos an ihr
vorübergegangen zu sein scheinen, klingt auch in den bemühten Formulierungen der
Alltagsdialekt unmissverständlich durch. So unverständlich wirkt das Geschreibsel auf
den ersten Blick, dass der ktive Herausgeber sich bemüßigt fühlte, Erläuterungen und
Übersetzung ausdemWienerDeutsch inDeutschlandDeutsch beizusteuern:
Ser fererlicherman
gnetigerherauder.
[...]
neme se mers nit ibl, i hob fon irer schrld kherd, wie doß se sick ter woreit oneme unt die kliga-
dure ter Didel a wenik ausnonter klaupen weln, neme se mers nit in ibel, i sick mai gomermetl
um a su a bichel und zuer glan aufmunderunk ires shmis da shig i ine an gremizer Dugoden unt
an gultn ih lipe die gellerten besonters die gsheiten und solner gor wenik sain gomen se zmir
tuns mer die knot an ih won aufm krapen No. im 00. stok re[k]ter hont swert mer a unentlich
fergniken mochn se fan berson zu köne oter wulns irm le beimer zmidag obleke so bin ih mid
alerhochachdunk
knätigerherauder
winten
26.Yauni
ihrezerdliche
FrauvonLiebstall.
n. sekumes gwiß meiher isnit zhaus. *)
*) Ich will hundert von gegen einen Gnädigen verwetten, daß Mancher diesen Brief, der wohl
die beste Stelle im Pöstbüchel hätte, nicht lesen könnte, ohne den Abschreiber so vieler
Schreibfehler zu beschuldigen; aber ich betheure es bey meiner Kopistenseele! der Brief war
buchstäblichvondergnädigenFrausogeschrieben.ManfragenureinenHauslehrer;erwirds
auf seine Seele abschwören, daß die Kinder lernen, bis ihre Kinder wieder lernen, und wissen
doch nichts: heus tu capacitas! Ich will ihn also aus dem Wiener Deutsch in Deutschland
Deutschüberschreiben.Ermagso lauten:
SehrverehrlicherMann,
GnädigerHerrAutor!
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen