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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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OpenAccess © 2019byBÖHLAUVERLAGGMBH&CO.KG,WIENKÖLNWEIMAR 334 LAND- UND STADTLEBEN wird vielleicht meinen, daß aus den Bubn mit der Zeit Lumppn und Tagdieb werden? Umkehrt HerrPfarrer! eswerden lauterSoldatndraus.*) Die Gfangnen, die d'Gassn kehrn, habn mir auch gfallen. Bin ihnen schon oft z'fallen gangn. S'haben recht lustige Einfälle, und mit ihrn Kettn machn s' eine Musik, wie ein Glocknspiel. Wenn s' aber Krampen und Schaufeln in der Hand habn**) geh ich ihnen nicht auf d' Haut; s' könnteneinendochdamitzumKopfschlagen. Gestern hat mich der Herr Vetter auf den Lichtensteg gführt, wo d'Fleischbänk fast alle beyein- ander sind. Ich hätts mein Lebtag nicht glaubt, daß d'Wiener so ein guts Gmüth hätten. Aber da habich'smitAugngsehn.Habnihnend'FleischhackerGrobheitengsagt,daßmird'Galleaufge- stiegen ist. Da habn sich aber d'Wiener Fraun und ihre Menscher nichts draus gmacht, sondern habnihrGeldhinglegt,undhabn 's schlechteFleischundd'Grobheiteneingsteckt.*** *) Der weiß's recht! man hat's gwis nicht probirt, und hat wolln Soldaten aus ihnen machen? Unterhunderten istnichteinerwasnutzdazu. **) Mit was solln s' dann 's Eis aufhacken? Gwis mit den Nägeln? Wenn d'Eipeldauer nur nicht vonDingenredeten,die s'nichtverstehn. ***) Nun da muß ich ihm wieder Recht gebn. Aber kein Wunder ist 's nicht, wenn d' Fleischha- cker toll werden. D'Menscher wollen alle gutes Fleisch habn, und wo solln dann d'Fleischhacker 's schlechteFleischhinthun?162 Mahm] weibliche Verwandte die d'Gassn kehrn] Strafarbeit der Zuchthäusler Fleischbänk] Fleischverkaufs- stände Menscher] (Dienst-)Mädchen Die witzige Schreibsprache des Eipeldauers ist freilich keine Transkription des im MarchfeldgebräuchlichenBasisdialekts;es istauchnichtderStadtdialektderdamaligen Zeit. Richter er ndet sich für seine Briefe einen Kunstdialekt, der sich stark am Wiene- rischenorientiert,dochauchdemnichtdes IdiomsMächtigenverständlichseinwill.163 Als authentische Sprachform kann dieser Jargon, der etwa aus Verständnisgründen die Perfektpartizipia standardnah bildet, nicht dienen. Doch wusste der autochthone Leser, wiedieMündlichkeitssignaleumzusetzenwaren;demdialektfernenPublikumabergab eszumindesteineungefähreVorstellungdesKlangbilds. Der Erfolg der Broschüre inspirierte Richter zu einer Fortsetzung 1787, in der der Bauer für einen Prozess in die Hauptstadt kommt, und schließlich zur Weiterentwick- lung zu einem Periodikum ab Dezember 1792, in dem die Erlebnisse des Eipeldauers alsunfähigerWienerBeamter imMittelpunktstehen.DiePeriodizitätderZeitschrift ist nicht konstant; bis 1797 erscheinen pro Jahr 5– 8 Hefte, dann bricht die Serie ab, um 1799 mit dem Wiederaufgelebten Eipeldauer neu einzusetzen.164 1802 übergibt Richter dem (vermeintlichen) Erstgeborenen des alternden Beamten die Feder, einem verzär- telten Schnösel. Nach dem Tod des Autors 1811 übernimmt Franz Xaver Gewey die Herausgabe des Periodikums für acht Jahre, dann geht die Redaktion an Adolf Bäuerle, derdasabgelebtesatirischeBlatt1821einstellt.AndiePopularitätundUnterhaltsamkeit 162 BriefeeinesEipeldauersanseinenHerrnVetter inKakran,überd'Wienstadt.AufgefangenundmitNoten herausgegebenvoneinemWiener.ErstesHeft.VierteAuflage.Wien,1785,S.29– 31. 163 Vgl.EugenvonPaunel:Einleitung.In:EugenvonPaunel(Hg.):DieEipeldauerBriefe1785– 1797.InAus- wahl hg., eingeleitet und mit Anmerkungen versehen. 1. Band. München: Müller 1918, S. XI– CXII, hier LXI. 164 Vgl. ebda.,S.L.– Kauffmann,Es istnureinWien,S.253ff.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800