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334 LAND- UND STADTLEBEN
wird vielleicht meinen, daß aus den Bubn mit der Zeit Lumppn und Tagdieb werden? Umkehrt
HerrPfarrer! eswerden lauterSoldatndraus.*)
Die Gfangnen, die d'Gassn kehrn, habn mir auch gfallen. Bin ihnen schon oft z'fallen gangn.
S'haben recht lustige Einfälle, und mit ihrn Kettn machn s' eine Musik, wie ein Glocknspiel.
Wenn s' aber Krampen und Schaufeln in der Hand habn**) geh ich ihnen nicht auf d' Haut; s'
könnteneinendochdamitzumKopfschlagen.
Gestern hat mich der Herr Vetter auf den Lichtensteg gführt, wo d'Fleischbänk fast alle beyein-
ander sind. Ich hätts mein Lebtag nicht glaubt, daß d'Wiener so ein guts Gmüth hätten. Aber da
habich'smitAugngsehn.Habnihnend'FleischhackerGrobheitengsagt,daßmird'Galleaufge-
stiegen ist. Da habn sich aber d'Wiener Fraun und ihre Menscher nichts draus gmacht, sondern
habnihrGeldhinglegt,undhabn 's schlechteFleischundd'Grobheiteneingsteckt.***
*) Der weiß's recht! man hat's gwis nicht probirt, und hat wolln Soldaten aus ihnen machen?
Unterhunderten istnichteinerwasnutzdazu.
**) Mit was solln s' dann 's Eis aufhacken? Gwis mit den Nägeln? Wenn d'Eipeldauer nur nicht
vonDingenredeten,die s'nichtverstehn.
***) Nun da muß ich ihm wieder Recht gebn. Aber kein Wunder ist 's nicht, wenn d' Fleischha-
cker toll werden. D'Menscher wollen alle gutes Fleisch habn, und wo solln dann d'Fleischhacker
's schlechteFleischhinthun?162
Mahm] weibliche Verwandte die d'Gassn kehrn] Strafarbeit der Zuchthäusler Fleischbänk] Fleischverkaufs-
stände Menscher] (Dienst-)Mädchen
Die witzige Schreibsprache des Eipeldauers ist freilich keine Transkription des im
MarchfeldgebräuchlichenBasisdialekts;es istauchnichtderStadtdialektderdamaligen
Zeit. Richter er ndet sich für seine Briefe einen Kunstdialekt, der sich stark am Wiene-
rischenorientiert,dochauchdemnichtdes IdiomsMächtigenverständlichseinwill.163
Als authentische Sprachform kann dieser Jargon, der etwa aus Verständnisgründen die
Perfektpartizipia standardnah bildet, nicht dienen. Doch wusste der autochthone Leser,
wiedieMündlichkeitssignaleumzusetzenwaren;demdialektfernenPublikumabergab
eszumindesteineungefähreVorstellungdesKlangbilds.
Der Erfolg der Broschüre inspirierte Richter zu einer Fortsetzung 1787, in der der
Bauer für einen Prozess in die Hauptstadt kommt, und schließlich zur Weiterentwick-
lung zu einem Periodikum ab Dezember 1792, in dem die Erlebnisse des Eipeldauers
alsunfähigerWienerBeamter imMittelpunktstehen.DiePeriodizitätderZeitschrift ist
nicht konstant; bis 1797 erscheinen pro Jahr 5 8 Hefte, dann bricht die Serie ab, um
1799 mit dem Wiederaufgelebten Eipeldauer neu einzusetzen.164 1802 übergibt Richter
dem (vermeintlichen) Erstgeborenen des alternden Beamten die Feder, einem verzär-
telten Schnösel. Nach dem Tod des Autors 1811 übernimmt Franz Xaver Gewey die
Herausgabe des Periodikums für acht Jahre, dann geht die Redaktion an Adolf Bäuerle,
derdasabgelebtesatirischeBlatt1821einstellt.AndiePopularitätundUnterhaltsamkeit
162 BriefeeinesEipeldauersanseinenHerrnVetter inKakran,überd'Wienstadt.AufgefangenundmitNoten
herausgegebenvoneinemWiener.ErstesHeft.VierteAuflage.Wien,1785,S.29 31.
163 Vgl.EugenvonPaunel:Einleitung.In:EugenvonPaunel(Hg.):DieEipeldauerBriefe1785 1797.InAus-
wahl hg., eingeleitet und mit Anmerkungen versehen. 1. Band. München: Müller 1918, S. XI CXII, hier
LXI.
164 Vgl. ebda.,S.L. Kauffmann,Es istnureinWien,S.253ff.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen