Seite - 343 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Bild der Seite - 343 -
Text der Seite - 343 -
NACHHALTIGE UND SPORADISCHE VOLKSSTEREOTYPE 343
Zwar lokalisiert er den Typus ins Land ob der Enns , also nach Oberösterreich, führt
jedoch umgehend auch ein Äquivalent für das Land Steyr an und fügt ein exemplari-
schesStreitgesprächbei:
sonderlich in Ober-Steyr-Marck / tragen dergleichen Fäust-Helden oder Räiffer auf ihren Hüten
eine Kranich-Feder / alsdann muß er sich auf zween seiner Gegner wagen / und ihnen / wie sie
esnennen/Bescheid thun.
Man ndet auch etliche unter den Schiffleuten / welche ihren Unwillen mit dergleichen schlag
mich ins Gesicht / wiederum versöhnen; wie mancher sagt: Ich hätte eine Lust / ich wolte dir eine
Goschengeben/unddich insFraßschlagen; schlagher /duMauskopff/ (wirdderandersagen) ich
geheu mich umb dich keinen P fferling / du Hundskrot; alsdann gehet der Handel an / wird aber
baldwiederumdurchetlichehalbeWeinkandelnabgewaschenundvergessen.11
Goschen]Ohrfeige Fraß] (verächtlich für)Gesicht geheu] schere,kümmere
Die hier angesprochenen ritualisierten Auseinandersetzungen zur Generierung einer
hierarchischenOrdnungderKampfwilligenlegennahe,dassauchdieFigurdesRaufjo-
delsnachdemLebengestaltetwar,wennauchpublikumsgerechtzugespitztundsatirisch
überzeichnet.AlsrustikaleVariantedesmilesgloriosusfantasiertersichimzweitenLied-
teileinenrechtsfreienRaumfürseineGewaltexzesse,beidemauchTotschlagkeineRolle
zuspielenscheint.DieGegnerwerdenzerhacktundzerhauen,verfaulenimGrabenoder
werden zum Grind` geschlagen; juridische Konsequenzen werden dabei nicht bedacht.
Authentisch scheint die niedrige Frustrationstoleranz und Hemmschwelle zu sein: Wie
man aus volkskundlichen Berichten weiß, reichte oft schon die kleinste Geste, um als
Provokationausgelegtzuwerden.
Durch die konkrete regionale Zuordnung wäre zu vermuten, dass man den steiri-
schen Dorfburschen auch in seiner eigentlichen Sprache zu Wort kommen lässt. In den
älteren Drucken aus Ehrliche Gemüths-Erquickung nden sich allerdings nur dialektale
Anklänge in der Einschüchterungsrede, insgesamt aber ist das Lied noch am oberdeut-
schenschriftsprachlichenStandardorientiert:
1
Herzu ihrBuben/hateinereinLust
mitmireinGangzuwagen/
Dasteh ichfertig /dahabt ihrmeinBrust/
meinFreudist rauffen/schlagen/
Vorkeinenmirgraust/
ichhabauchmeinFaust/
darffumbkeinMenschenfragen.12
11 Continuatio Metamorphosis telæ iudiciariæ. Oder: Ander Theil Seltzamer Gerichts-Händel / Und hierauf
gleichfallsseltzamerfolgterAussprüche.Zusammengetragen/undmitlustigenAnmerckungenausgeführt
undgefüttert.DurchMatthiamAbele /vonLilienberg/derhochlöbl.FruchtbringendenGesellschafftun-
würdigen Mitglieds. Nürnberg / In Verlegung Michael Enters / Im Jahr 1661, S.90f. Vgl. auch Mautner,
ZweyschöneLustigeLieder,S.86f.
12 EhrlicheGemüths-Erquickung/Das ist:UnterschiedlicheannehmlicheGesänger/MitTrostreichensittli-
chenLehrenuntermischet/SambtbeygesetztenMelodeyen/vonneuengemachtundzusammengetragen.
Cum licentia Superiorum. Gedruckt zu Wienn / bey Susanna Christina Cosmerovin / K. K. M. Hoffbuch-
druckerin/1686,S.151.
zurück zum
Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen