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378 FREMDES UND EIGENES
nicht mit der Standardsprache des Gastlands interferiert, sondern mit einer regiolek-
talenVariante. IndenFokusrücktdamiteinweiteresMalderAspektderMündlichkeit:
Dialekt und fremdländischer Akzent summieren sich in diesen mündlich markierten
Textennichtnur;diespezi scheMischungweistauchdaraufhin,dassdasErlernender
deutschen Sprache gerade in den Unterschichten nicht nur im 17. und 18. Jahrhun-
dert häu g nicht schriftlich, sondern im Wesentlichen mündlich erfolgte, und damit
auf einer mündlichen dialektalen Varietät des Deutschen im süddeutschen Raum
basiert.
Dabei können mit einer solchen Darstellung von Fremden in (dialektalen) Texten
unterschiedliche Funktionen verbunden sein: die Nutzung komischer,
entautomati-
sierender` und aufmerksamkeitssteigernder Effekte, die mit der Sprachmischung ver-
bunden sind, ebenso wie die Steigerung von Anschaulichkeit oder die Suggestion von
Authentizität. Nicht zuletzt aber wird auf diese Weise dezidiert auch Fremdes und Ei-
genes verhandelt, wobei die Figur des Anderen sowohl als negative als auch als positive
Vergleichsfoliedienenkann. JeneKonstellation, indereinepositivgezeichnete fremde`
Figur in kritischer Absicht dem Eigenen gegenübergestellt wird, lässt sich häu g mit
dem Motiv des
edlen Wilden` in Verbindung bringen, das im 18. Jahrhundert insbe-
sondere im Kontext der Aufklärung breit rezipiert wurde und u.a. auch im Wiener
Spaßtheater in verschiedenster Weise verarbeitet wurde.91 Auch Schikaneders Tyroler
Wastel liegt etwa dieses Muster zugrunde. Doch öfter noch ist der
Wilde` nicht edel,
sondern in seiner exotischen, lächerlichen oder auch abstoßenden Andersartigkeit vor
allem dazu geschaffen, sich der Vorzüge des Eigenen zu versichern. Dass dieses ästhe-
tische Konzept zumal in politisch-propagandistischen Texten zur Anwendung kommt,
kannnichtverwundern.92
RomanischeWanderhändlerundLohnarbeiter
Zu den ältesten bilingualen Figuren in der bairisch-österreichischen Dialektliteratur
zählen fahrende Krämer, die uns in ihren autochthonen` Pendants mit den charakte-
ristischenKaufrufen,LockgesängenundStandesliedernbereitsanandererStellebegeg-
net sind (vgl. Kap.4). Im Unterschied zu diesen reindialektalen Rollen aber wird hier
der Exotismus zudem durch Phänomene der Sprachmischung, der Interferenz und des
Codeswitchings verstärkt und zumeist für komische, aber auch latent bis dominant xe-
nophobe Wirkeffekte genützt. Besonders im süddeutschen Raum waren Fahrende aus
Italien kein ungewöhnlicher Anblick. Mit südländischen Viktualien oder Heilmitteln,
91 Vgl. Matthias Mansky: Nachwort. In: Gottlieb Stephanie der Jüngere. Die abgedankten Of ciers oder
StandhaftigkeitundVerzweiflung.EinLustspielvonfünfAufzügen.Hg.vonMatthiasMansky.Hannover:
Werhahn2015,S.131 159. MatthiasMansky:Der
edleWilde`als lustigeFigur?Funktionalisierungund
TransformationbeiFranzvonHeufeldundJosephFelixvonKurz-Bernardon.In:FranzM.Eybl(Hg.):Ne-
benschauplätze.RänderundÜbergängeinGeschichteundKulturdesAufklärungsjahrhunderts.Bochum:
Winkler2014. (Dasachtzehnte Jahrhundert inÖsterreich28)S.193 207.
92 Ausführlichereszur Darstellung von Fremdenin literarischen Textenvgl. Elisabeth Zehetner: Dialektund
die literarische Darstellung von Fremden vor 1800. Untersuchungen zum Verhältnis zwischen Eigenem
undFremdem.Graz2016[Dipl.].
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen