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390 FREMDES UND EIGENES
KroatenundUngarn Krämer,Krieger,Heubauern
Überwiegt bei den Stereotypen der italienischen Handelsreisenden und Lohnarbeiter
bei aller liebenswerten Kauzigkeit die abgrenzende Fremdsetzung, nden wir bei li-
terarischen Typisierungen von Kroaten bzw. Ungarn ausdifferenziertere Formen der
DarstellungdesAndersseinsvonderabwertendenDistanzierungbiszurHerausstellung
des Gemeinsamen bzw. Verbindenden. Als Beispiel für eine noch vorwiegend negative
Zeichnung des Fremden kann Philipp Hafners Der Kroatische Bauer und das Wienner-
mädgen gesehen werden, das erstmals 1763 im ersten Teil seiner Lyriksammlung Scherz
und Ernst in Liedern abgedruckt wurde. Anders als die zuvor vorgestellten monologi-
schen Lieder wird hier Fremdsein im Dialog verhandelt. Die Gegenüberstellung der
jeweils
eigenen` und fremden` zugeschriebenen Charaktereigenschaften soll vor allem
die Unvereinbarkeit zwischen beidem zeigen, wobei die fremde Lebensart als eindeutig
de zitärdargestelltwird.
1Kroat.
Schöni liebiWienaMadel!
MuißsidirwasGuitsvertrau:
MeiHerzbratwieSchweinabratel,
MöchssiwerdanitmeiFrau;
Machmiheurath! thuinitbsinna,
SeymeiWeibel, schaumian,
HabsvielGeld inSäckeldrinna,
BinkrawatischreichiMann. 2WienerMädgen.
DeinesogeschwindeFragen
Sollengleichentschiedenseyn;
Ichwilldirgarnichtviel sagen,
NureinWort,unddießheißt:nein!
Niemalskönntemires träumen,
EinemsolchenwildenMann
HerzundAlleseinzuräumen,
Denichgarnicht liebenkann.
3Kroat.
Will siSchatzeldirnitgfallen,
Warumbin isnitbravMann,
KandirguitiSachazahlen,
Diedirandrigebakann:
Bindir redli, thuinit zweifel,
Habmischön,undseymiguit,
I!dumachGsichtwiedasTeufel,
Sag:wasdinitgfallenthuit. 4WienerMädgen.
Alles,was ichandir sehe,
Alles,was indeinemLand,
Unddaßicheskurzgestehe,
DeineSitten,derVerstand:
DeineKleider,deineBlicke,
DeineSprache,dieserBart,
DeinesLeibesgrobeDicke,
UnddieroheLebensart.
5Kroat.
Habsi janitGsicht soübel,
HabsizimligroßVerstand,
KenndasKnobel,unddasZwibel
UndKapäunelvonanand;
Habsi schwarzBart,blauiGwandel,
RothiZischma, rundiHuit,
Habmi liebel,wiedeinMandel,
SchöniLelki seymiguit. 6WienerMädgen.
Zärtlich istderDeutschenLiebe,
DeineArtgleicht ihrernicht;
IhreKüsse, ihreTriebe
Sindbezauberndeingericht:
Deutschlandists,woichgebohren,
Deutschesindesnurallein,
Denenicheszugeschworen:
Niemalungetreuzuseyn.
7Kroat.
IwasMenschel liebiSchatzel!
Glaubsnit,dasKrabatguit is?
Erteck!wannidirgibSchmatzel
BleibdiLothTaback inGfriß,
KannigleinitPrallhannsmacha,
Foppdinit,wieDeutschi thuit,
Liebdi,daßmirHerz thuitkracha,
UndhabtreukrawatischBluit. 8WienerMädgen.
AlleWortesindvergebens,
AllesBittenohneFrucht,
WeildieTagemeinesLebens
DeutscheArtmeinHerzesucht.
EinSaloppundSchmuckinHaaren,
Strickrock,Sack,undPalatin,
SindganzandreKleiderWaaren,
AlsbeyeinerUngarin.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen