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412 BRAUCHTUM UND GESELLIGKEIT
Segenswünschen für das neue Jahr in Weihnachtsliedern zeigt, z.B. in der Anfangsstro-
phe eines Hirtengesangs, der am Neujahrstag 1773 im steirischen Stift Rein zu hören
war:
1
GrüeßdiGott,mein liebesKindlein,
wünschdirglückzumneuenJahr;
liegsthaltno inz'rissnenWindlein,
leidestKält' ingrößterG'fahr.
KombtdannNiembt,derhelfenkinnte
dirmiteinemFetzenG'wand,
ach,das is fürwahraSünde,
undderWeltagroßiSchand.24
Hier sollte wohl die Schilderung der Armut des Gottessohns die Zuhörer auch für die
Not der Sternsinger sensibilisieren, die mit dem Heischesingen mehr schlecht als recht
über die sonst verdienstlosen Wintermonate zu kommen versuchten. Nicht umsonst
werden in der vierten Strophe die mitleiderregenden Umstände des Hirten beschrieben
unddie Reichen` indirekt indieP ichtgenommen,zumindesteineKleinigkeitzuspen-
den,
daßawenkkunstbesser leben 25.AuchZaupserüberlieferteinenvonden armen
Knaben amNeujahrstagvorgetragenenSpruch,derNeujahrs-undWeihnachtsbrauch-
tum zusammenführt:
Glückseligs neus Jahr, und a Christkindl im krausten Haar. 26
Nochheute istdieserSpruchinderSteiermarkzuhören.
Prinzipiell weisen Neujahrslieder im Vergleich zu den Weihnachtsliedern eine kon-
kretere Ansprache auf, die das Zielpublikum stärker einbindet. Nicht der Bericht des
Vergangenen, sondern die Beurteilung des Gegenwärtigen im kleinen und größeren
Rahmen steht im Mittelpunkt. So können die einzelnen Personen des Haushalts mit
Segenswünschen und Lobsprüchen bedacht werden oder auch Berufsstände und so-
ziale Gruppen. Eine mehrteilige kleinformatige Sternsinger-Gebrauchshandschrift aus
dem frühen 17. Jahrhundert (mit zurückhaltender dialektaler Transkription) zeigt, wie
formelhaftdieseBrauchliedermit ihrenstehendenEingangsphrasen, xenStrophenele-
menten und gleichförmigen Bildern waren. Ob nun Schüler, Schreiber, Hausknechte,
Kellner, Bäckermeister, Kaufleute, Wirte, Köchinnen, heiratsfähige Jungfrauen oder
Bräute angesungen wurden, die lobenswerten Eigenschaften (Fleiß, körperliche Vor-
züge, besondere Fertigkeiten) und Szenarien (frühmorgendliches Gebet, Arbeitsgänge)
variieren nur im Detail. Als Einleitungen dienen u.a. folgende Bausätze, die die Sing-
konstellationmitansprechen:
24 Zitiert nach Karl M. Klier (Hg.): Schatz österreichischer Weihnachtslieder. Aus den ältesten Quellen mit
Weisen.3.Heft:WeihnachtsliederundHirtenspieleausSteiermark.1:VerschiedeneOrte.Klosterneuburg:
Augustinus-Druckerei [1936 40]. (Thesaurus Austriacus) S.52. Vgl. auch den dort zitierten Bericht eines
BeiträgerszurSonnleithner-SammlungausdemJudenburgerKreis,wo inderNachtvordemNeujahrstag
[...] zu den angeseheneren Bauern Musikanten kamen. Sie begannen mit einer charakteristischen Melo-
die,dannbrachte
einSpaßmachersowohlinKnittelreimenalsProsadiedrolligstenNeujahrswünsche,für
dieBewohnerdesHausesanwendbar,vor .Abschließend
werdenentwedereinigeKrippelliedergesungen
oderauchsteyrischeTänzegespielt .Vgl. ebda.,S.53f.
25 Ebda.
26 Zaupser,VersucheinesbaierischenundoberpfälzischenIdiotikons,S.28.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen