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526 KÖRPER UND SINNLICHKEIT
1
AlleLeutsehensnichtgern,
daßdumeinSchäzerl sollstwär'n,
sehnsie'sgernodernicht,
vonmeinSchaz laß ichnicht,
so lang icheinAterkanrühr'n,
thu ichmeinSchazerle lieben. 2
Dienterl schwarzaugeteGret,
hastmichzumLiebenbewegt,
hastSchneeweißZähnimMaul,
zumLiebenbistauchnicht faul,
bist soschönkurzundsodick,
undauchschönröthlicht imG'sicht.
3
EinThalerdenthät ichspentiren,
wennichmeinschönSchazerlkönntgriechen;
wolltgleicheinmehrerswagn,
wollt' sgleichdenPfarrer sag'n,
daserunsz'sammathätgeben,
sokönntmandasLiebennichtwehren. 4
UnsernHerrnAmtmannseinBub,
derschautunsbeymLiebenoftzu,
wennersdenHerrnAmtmannt, sagt]
daßichbeymDientel schlaf,
dannhliftkeinBittenundkeinGnad,]
undmußgleichwerdeneinSoldat.
5
KeinBauernknechtgieb ichnichtOh,
mußalleweil scheyenHottoh
müßeninWaldnaus fahr'n
müssendieStöckrausgraben,
keinBauernknechtmagichnicht seyn,
mußalleweilHottohbraf schreyn.107
1,5 Aterkanrühr'n]Aderrührenkann, lebendigbin2,1 Dienterl]Mädchen3,2 griechen]kriegen(alsReim-
wortauf spentiren` mussdieAussprache[krI: +] lauten)5,1giebichnichtOh]will ichmehrsein5,2Hottoh]
KommandorufzumWeitergehenfürPferdeoderOchsen
Auch wenn sich im Lied ein relativ selbstverständlicher Umgang mit vorehelicher Se-
xualität ausdrückt, wird gleichzeitig auch eine drohende Sanktionierung angesprochen.
Die im Lied genannte Strafe nämlich als Soldat eingezogen zu werden entspricht
dabei durchaus den historischen Tatsachen, wurde doch die Praxis der Kriminalisie-
rung unehelicher Sexualbeziehungen zumindest bis unter Maria Theresia fortgeführt;
Männer, die wiederholt der Unzucht bezichtigt wurden, konnten bei Zahlungsunfähig-
keitzwangsrekrutiertwerden.108WieFrauenbestraftwurden,klingtimBauerngespräch
O Riepl da kemm mir recht z'sammen an, in dem zwei Burschen über die Vernaderung
amDorf lamentieren,die ihnendas
Gäßl-gehen verleidet:
7
VierMenscherdieseyndäschondrinnä/
diemüssen inSchörgen-Hausspinna,
bis siedieStraf rechthabnabdient/
aft lassenserstwiderhaimgehn. 8
Ihr fünfediemüssennochkemmä/
wowärnsiedasGeldähernehmä/
wannsiedieStrafnichtkönnengebn/
wirdmanihndieGeigenanlegn.
107 FünfschöneneueWeltlicheLieder,DasErste.Cupidoichschwöredir,keineandrenehmetc.DasZweyte.
Stax donnerte vom Predigtstuhle, es sey etc. Das Dritte. Ich bin kein Epicurer nicht, schein ich gleich etc.
DasVierte.AlleLeutsehensnichtgern,daßduSchäzerletc.DasFünfte.RechtunglücklichistdasLieben,
weil es soetc. [o.O.,o.J., ca.1770], f. 2v 3r.
108 Vgl.Becker,LebenundLiebenineinemkaltenLand,S.254f.,derindemZusammenhangaufdreiPatente
Kaiser Karls VI. aus den Jahren 1737 1740 hinweist, die sich gegen das Laster der Unzucht` unter dem
ledigenBauernvolkrichteten.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen