Seite - 532 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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532 KÖRPER UND SINNLICHKEIT
das ist mein glück, das i der urschl z'hilff kommen bin, wan is nit gethan hätt, so wärs wohl
g'sungen g'wesen. jezt will i vor d'lange weil [z]u der frau aschevettl gehen, und just kumbts
raus.118
gnui] genug brazen] Hand rättig] Rettich müsßen] fälschlich für lassen` (vgl. Gryphius) goschen] Maul niä-
ten]verprügeln,verdreschen hießlicher]dummer[z]u]
du`emendiert
Dass Frauen guren auch im Spaßtheater des 18. Jahrhunderts weitaus seltener und we-
niger ausgeprägt Dialekt sprechen als ihre männlichen Pendants, steht nicht zuletzt
im Zusammenhang mit der zunehmenden Stigmatisierung des regionalen Idioms als
unfeine`undimöffentlichenUmganggeradefürdasschöne,zarteGeschlechtnichtpas-
sende Kommunikationsform.119 Eine wichtige Liedgattung allerdings, die das Kon ikt-
potential zwischen Werbendem und Umworbener literarisch verarbeitet, setzt gezielt
auf dialektales weibliches Sprechen, um unterschiedliche soziale Schichten herauszu-
arbeiten. Im Buhlen eines Höherstehenden um ein Bauernmädchen wird durch die
sprachliche Gestaltung der Standesunterschied zusätzlich markiert. Während das Mäd-
chen Dialekt (in mehr oder weniger ausgeprägter Form) spricht, ist dem Adeligen oder
Bürger eine stärker schriftsprachlich geprägte Varietät (in zuweilen auch elaborierterer
Metrik) zugewiesen. Ein frühes Beispiel dafür ist die 41-strophige Heyraths-Abrede`
Halt still mein schöne Baurn-Dirn, wo ein
Cavalier` einem Bauernmädchen das Blaue
vom Himmel nebst Liebe und Ehe verspricht. Der Verlauf einer Beziehungsanbahnung
dieser Art endet üblicherweise in einer bloßen Kurzaffäre und einer Enttäuschung des
naivenMädchens.SoverfolgtmandenVerlaufbereitsvonBeginnaninderErwartungs-
haltung,dassdemMädchenletztlichdasHerzgebrochenwirdodersichgarschlimmere
Konsequenzen ergeben ob man nun Mitleid dabei emp ndet oder Naivität und Auf-
stiegsgelüste bestraft sehen will. In diesem Fall aber erweist sich die Prognose als falsch
undeskommtzueinerüberraschendenWendungamEndedesLieds:
1
Halt stillmeinschöneBaurn-Dirn,
ichhabdirwaszusagen,
dusollstallGunstundLiebverspüren,
laßdirmeinQualnurklagen,
bis indenTodbin ichverwundt,
achkommundhilf,machmichgesund
sonstmußichgarverzagen. 2
Daßdiepotzschendewas istdirgeschehen,
hastnitäwintzlenundwinßlendesGeschrä,
sagmirsrundheraussonstmußichgehn,
einhurtigesMädeldasbleibtnicht langstehen.
[...]
118 Ebda., f. 108v 109r.
119 So moniert etwa Samuel Riedl: Es ist ein recht auffallender unangenehmer Kontrast, wenn ein schöner
Mund die Sprache des niedrigen Pöbels spricht, und wenn die mit der besten Wahl gekleidete Dame, so
pöbelhaft, als ihre Küchenmagd redet (Der wienerische Sekretär auf alltägliche Fälle. Zum Gebrauch
Jener, welche in Geschäftsaufsätzen Anweisung verlangen. Dritte veränderte, durchaus verbesserte, und
vermehrteAuflage.2Bde.Wien:Gerold1787,S.12).Freilichwaresselbst fürhochadeligeFrauendurch-
aus üblich, im familiären Umfeld Dialekt zu sprechen, wie eine launige Anekdote über Maria Theresia
belegt: Diese habe bei einer Gelegenheit das blabe Buich` (blaue Buch) verlangt und damit ihr sächsi-
sches Kammerfräulein vor ein Rätsel gestellt. Vgl. Peter Wiesinger: Die sprachlichen Verhältnisse und
der Weg zur allgemeinen deutschen Schriftsprache in Österreich im 18. und frühen 19. Jahrhundert. In:
AndreasGardt/KlausJ.Mattheier/OskarReichmann(Hg.)SprachgeschichtedesNeuhochdeutschen.Ge-
genstände,Methoden,TheorienTübingen:Niemeyer1995.(ReiheGermanistischeLinguistik156)S.319
367,hier321.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen