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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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OpenAccess © 2019byBÖHLAUVERLAGGMBH&CO.KG,WIENKÖLNWEIMAR 568 FEHDEN UND FEINDSCHAFTEN performativen Techniken des Theatralen zur Unterhaltung und Belehrung seines sozial breit gestaffelten Publikums. Ganz gezielt wurden dessen Emotionen stimuliert; auch das Lachen war nicht verpönt, solange es der moralischen Unterweisung dienlich war. Das zeigt etwa ein derbdrastisches Predigtexempel Leo Wolffs (1640– 1708), eines Zeit- genossen Abraham a Sancta Claras. Die kleine Szene mit dialektaler Figurenrede und Pointe aus der Predigtsammlung Rugitus Leonis (1702) des aus München stammenden Franziskanerpaters sollte die Tugend- und Vorbildhaftigkeit Saras als Abrahams Gattin herausstreichen, indem der Zuhörerschaft das andere Extrem als Witz vor Augen ge- führtwurde: Gleichwie jene Bäurin ist beschaffen gewesen / als dieser ihr Mann / der Baur mit sambt seinem Knecht zu Morgens in aller Fruhe in den Wald umb Holtz gefahren / in dem Heim-Weeg aber geschehen / daß der geladene Wagen in einem Hohl-Weeg umbgefallen / und also den nebenher gehenden Bauren erschlagen hat; Ist der Knecht von dem Wagen und Pferdten nach Haus gelof- fen / jämmerend und schreyend: O wehe! O wehe! O wehe! O wehe! Die Bäurin voll Schrecken hebtdieHändauf/undfragt:Wasistgschehä?BodsRegiment!Hänßl/wasistgschehä?Owehe! O wehe! O daß Gott erbarm! Der wagen voll Holtz ist im Hohl-Weeg umbgfallen / und hat den Baurn todt gschlagn! draust ligt er / ist Mauß-todt / O wehe! O wehe! O du Narr/ (sagt sie) daß dirsGOttverzeyh/hastmichnichterschröckt/ ihabgmeint/esseyeinRad/odergarderWagn brochä.NärrischerHänßl / thuenonit sodä!42 thuenonitsodä!]Tudochnicht so! (‚ no`wohl fälschlich für ‚ do`, ‚ sodä`: verstärktes ‚ so`) Mit Einlagen wie diesen konnte sich Wolff der Aufmerksamkeit seiner Schä ein si- cher sein. Institutionalisiert waren komische Predigtteile zum Osterfest, wo der ‚ risus paschalis` (Ostergelächter) als fester Bestandteil des katholischen Brauchtums seit dem Mittelalter die Freude über das Ende der Fastenzeit und die Auferstehung des Herrn signalisieren sollte.43 Trotz vielfacher theologischer Anfeindungen nicht nur aus dem protestantischen Lager konnte sich die Tradition des ‚ Ostermärleins`, das über das Pos- senhafte das Sakrale af rmierte, bis weit ins 18. Jahrhundert halten. Die Lacher auf sei- nerSeitehattesicherauchClemensvonBurghausen(ClemensHarderer,1693– 1732/34) mitseinemindennarrativenwiedialogischenTeilenteilsdialektalgehaltenenGedicht / undgeschichtanstatteinesOster-Märl, indemderbeliebteoberbayerischeKapuzinerpre- diger eine burleske Szene um den Bauern Jacka mit eingelegten Anekdoten und Witzen wie folgendemanreicherte: Es hatte nun diser Baur seinen jüngsten Sohn bey sich / der schmeichlete dem Vatter / daß er einen so vortrefflichen Spitz-Bart habe / und wolte zu ihm sagen / sein Bart sehe aus / wie ein Bocks-Bart / doch getrauete er sich nit dis zu sagen / sonder sprache: Vattä / Vattä / du hast än Bart als wie ä Löw. Mein Kind / sprach der Vatter: du hast ja kein Löw nie gesehen. Jo / sagt der 42 Leo Wolff: Rugitus Leonis, Geistliches Löwen-Brüllen. Das ist: Eingrif ge Sonntags-Predigen / Durch ein gantzes Jahr. Aus klaren Sprüchen der H. H. Vätter / raren Antiquitäten / schönen Symbolischen Gleich- nussen / bewehrten und beweglichen Historien etc. zum Schröcken und Trost der Sünder verfasset / auch mitunterschidlichenRegisternwohlversehen.Augsburg:GeorgSchlüters1702,S.78f. 43 Vgl. Elfriede Moser-Rath (Hg.): Predigtmärlein der Barockzeit. Exempel, Sage, Schwank und Fabel in geistlichen Quellen des oberdeutschen Raumes. Berlin: de Gruyter 1964. – Werner Röcke: Ostergelächter, Körpersprache und rituelle Komik in Inszenierungen des ‚ risus paschalis`. In: Otto Langer/Klaus Ridder (Hg.):KörperinszenierungeninmittelalterlicherLiteratur.Berlin:Weidler2002,S.335– 350.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800