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568 FEHDEN UND FEINDSCHAFTEN
performativen Techniken des Theatralen zur Unterhaltung und Belehrung seines sozial
breit gestaffelten Publikums. Ganz gezielt wurden dessen Emotionen stimuliert; auch
das Lachen war nicht verpönt, solange es der moralischen Unterweisung dienlich war.
Das zeigt etwa ein derbdrastisches Predigtexempel Leo Wolffs (1640 1708), eines Zeit-
genossen Abraham a Sancta Claras. Die kleine Szene mit dialektaler Figurenrede und
Pointe aus der Predigtsammlung Rugitus Leonis (1702) des aus München stammenden
Franziskanerpaters sollte die Tugend- und Vorbildhaftigkeit Saras als Abrahams Gattin
herausstreichen, indem der Zuhörerschaft das andere Extrem als Witz vor Augen ge-
führtwurde:
Gleichwie jene Bäurin ist beschaffen gewesen / als dieser ihr Mann / der Baur mit sambt seinem
Knecht zu Morgens in aller Fruhe in den Wald umb Holtz gefahren / in dem Heim-Weeg aber
geschehen / daß der geladene Wagen in einem Hohl-Weeg umbgefallen / und also den nebenher
gehenden Bauren erschlagen hat; Ist der Knecht von dem Wagen und Pferdten nach Haus gelof-
fen / jämmerend und schreyend: O wehe! O wehe! O wehe! O wehe! Die Bäurin voll Schrecken
hebtdieHändauf/undfragt:Wasistgschehä?BodsRegiment!Hänßl/wasistgschehä?Owehe!
O wehe! O daß Gott erbarm! Der wagen voll Holtz ist im Hohl-Weeg umbgfallen / und hat den
Baurn todt gschlagn! draust ligt er / ist Mauß-todt / O wehe! O wehe! O du Narr/ (sagt sie) daß
dirsGOttverzeyh/hastmichnichterschröckt/ ihabgmeint/esseyeinRad/odergarderWagn
brochä.NärrischerHänßl / thuenonit sodä!42
thuenonitsodä!]Tudochnicht so! ( no`wohl fälschlich für
do`, sodä`: verstärktes so`)
Mit Einlagen wie diesen konnte sich Wolff der Aufmerksamkeit seiner Schä ein si-
cher sein. Institutionalisiert waren komische Predigtteile zum Osterfest, wo der risus
paschalis` (Ostergelächter) als fester Bestandteil des katholischen Brauchtums seit dem
Mittelalter die Freude über das Ende der Fastenzeit und die Auferstehung des Herrn
signalisieren sollte.43 Trotz vielfacher theologischer Anfeindungen nicht nur aus dem
protestantischen Lager konnte sich die Tradition des
Ostermärleins`, das über das Pos-
senhafte das Sakrale af rmierte, bis weit ins 18. Jahrhundert halten. Die Lacher auf sei-
nerSeitehattesicherauchClemensvonBurghausen(ClemensHarderer,1693 1732/34)
mitseinemindennarrativenwiedialogischenTeilenteilsdialektalgehaltenenGedicht /
undgeschichtanstatteinesOster-Märl, indemderbeliebteoberbayerischeKapuzinerpre-
diger eine burleske Szene um den Bauern Jacka mit eingelegten Anekdoten und Witzen
wie folgendemanreicherte:
Es hatte nun diser Baur seinen jüngsten Sohn bey sich / der schmeichlete dem Vatter / daß er
einen so vortrefflichen Spitz-Bart habe / und wolte zu ihm sagen / sein Bart sehe aus / wie ein
Bocks-Bart / doch getrauete er sich nit dis zu sagen / sonder sprache: Vattä / Vattä / du hast än
Bart als wie ä Löw. Mein Kind / sprach der Vatter: du hast ja kein Löw nie gesehen. Jo / sagt der
42 Leo Wolff: Rugitus Leonis, Geistliches Löwen-Brüllen. Das ist: Eingrif ge Sonntags-Predigen / Durch ein
gantzes Jahr. Aus klaren Sprüchen der H. H. Vätter / raren Antiquitäten / schönen Symbolischen Gleich-
nussen / bewehrten und beweglichen Historien etc. zum Schröcken und Trost der Sünder verfasset / auch
mitunterschidlichenRegisternwohlversehen.Augsburg:GeorgSchlüters1702,S.78f.
43 Vgl. Elfriede Moser-Rath (Hg.): Predigtmärlein der Barockzeit. Exempel, Sage, Schwank und Fabel in
geistlichen Quellen des oberdeutschen Raumes. Berlin: de Gruyter 1964. Werner Röcke: Ostergelächter,
Körpersprache und rituelle Komik in Inszenierungen des risus paschalis`. In: Otto Langer/Klaus Ridder
(Hg.):KörperinszenierungeninmittelalterlicherLiteratur.Berlin:Weidler2002,S.335 350.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen