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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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OpenAccess © 2019byBÖHLAUVERLAGGMBH&CO.KG,WIENKÖLNWEIMAR 580 FEHDEN UND FEINDSCHAFTEN lichoriginalePredigttext selbstweistdurchwegseinengesprochensprachlichenTonauf, einzelne Stellen bzw. Passagen sind darüber hinaus deutlich dialektal (tendentiell nie- derösterreichisch, wie lautliche Merkmale wie etwa in „ Schui“ – ‚ Schuh`, „ suichen“ – ‚ suchen` etc. nahelegen). Bezeichnenderweise nden sich die markantesten mundartli- chenStellenvoralleminZusammenhangmitErmahnungen,appellativenPassagenund Redewiedergaben, betonen also – wie generell – Situativität, Nähe und Emotionalität. Freilich wird schon mit den Eingangsformulierungen rasch deutlich, dass die Authenti- zität der Predigt nur vorgeschützt ist, um das per de Spiel mit den Grundmustern der Textsorteumsokomischerzugestalten: Euer Lieb und Andacht stehen auf, und bezeichnen sich mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes, und sprechen mit Andacht: Im Namen Gott des Vaters, und des Suhns, und des heiligen Geistes Amen, und hören an die Worte des heiligen Evangeliums — He, Buben dort im Winkel, wollts Ruhegeben,oderichschickdenSchulmeisterübereuch.– Drucktsnit, stehts feinstill,undgebts acht.– Ja, meine lieben Kristen, wann wir an das schreckliche Druber und Drunter denken, von wel- chem der Heiland sagt, so sollt uns billig scheußangst werden. Nit wahr, wenn unausstehliche abscheuliche Hitz einen so martert, daß man den ganzen Tag hindurch wie eine Sau schwitzt, wiemirs selberoftgenuggeschicht– 93 Es sind nicht nur sprachliche und situative Entgleisungen, die den Text als Parodie dekuvrieren. Haarsträubende theologische und logische Irrtümer reihen sich aneinan- der, lateinische Phrasen werden entstellt und missbräuchlich verwendet, mit leicht zu entschlüsselnden Zweideutigkeiten und sogar mit sexuellen Eindeutigkeiten wird nicht gegeizt. ImFokusderLächerlichkeitstehtder ngierteKatechet,dersichkonzeptlosvon einer Assoziation zur nächsten treiben lässt, während seiner Predigt Gewalttätigkeiten androht, ucht, Sexstellungen auf der Kanzel nachahmt („ Stehend – ruckwärts – vor- wärts“ 94) und andere emp ehlt, Schnupftabak nimmt oder auch mit religösen Druck- werkenhandelt: Von diesem schrecklichen Uibel könnts euch aber leicht wieder loskaufen. Schauts Leut, ich hab Katechismes beimer, sie habn mirs um einen Kreuzer theurer geben wollen, die Bücherkramer in der Stadt, das sind rechte Wucherer, drauf bin ich halt fortgangen. Endlich hat er mir nach- geschrien: So gengen Ihro Hochwürden her da, weil Sie's sind, und so hab ich's doch um sechs Kreutzer kri[e]gt; mithin Schenk ich euch so ein Seelenschatzerl. Ihr müßt mir aber 12 Kreut- zer dafür geben, fürs Einbinden und Zurichten, hab selber kaum einen Kreutzer dabei. – Wer das Büchel liest, hat hundert, und wer's lesen hört fünfundzwanzig Tag Ablaß. Ist das nicht ein Bagatelgeld fürdieewigeSeeligkeit?95 Katechismes] Katechismus-Schriften beimer] bei mir Wucherer] auch Name eines berüchtigten Wiener Buchdruckers gengen]gehen Mehr Wutrede als Ermahnung, Belehrung oder Erbauung, zeichnet der satirische Text ein denkbar ungünstiges Bild der katholischen Kanzelrhetorik, deren Wirkungsästhe- tik – nimmt man die Karikatur ernst – wesentlich auf Anschuldigungen, Drohungen undEinschüchterungenzufußenschien: 93 Ebda.,S.5f. 94 Ebda.,S.51. 95 Ebda.,S.29f.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800