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580 FEHDEN UND FEINDSCHAFTEN
lichoriginalePredigttext selbstweistdurchwegseinengesprochensprachlichenTonauf,
einzelne Stellen bzw. Passagen sind darüber hinaus deutlich dialektal (tendentiell nie-
derösterreichisch, wie lautliche Merkmale wie etwa in Schui Schuh`, suichen
suchen` etc. nahelegen). Bezeichnenderweise nden sich die markantesten mundartli-
chenStellenvoralleminZusammenhangmitErmahnungen,appellativenPassagenund
Redewiedergaben, betonen also wie generell Situativität, Nähe und Emotionalität.
Freilich wird schon mit den Eingangsformulierungen rasch deutlich, dass die Authenti-
zität der Predigt nur vorgeschützt ist, um das per de Spiel mit den Grundmustern der
Textsorteumsokomischerzugestalten:
Euer Lieb und Andacht stehen auf, und bezeichnen sich mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes,
und sprechen mit Andacht: Im Namen Gott des Vaters, und des Suhns, und des heiligen Geistes
Amen, und hören an die Worte des heiligen Evangeliums He, Buben dort im Winkel, wollts
Ruhegeben,oderichschickdenSchulmeisterübereuch. Drucktsnit, stehts feinstill,undgebts
acht.
Ja, meine lieben Kristen, wann wir an das schreckliche Druber und Drunter denken, von wel-
chem der Heiland sagt, so sollt uns billig scheußangst werden. Nit wahr, wenn unausstehliche
abscheuliche Hitz einen so martert, daß man den ganzen Tag hindurch wie eine Sau schwitzt,
wiemirs selberoftgenuggeschicht 93
Es sind nicht nur sprachliche und situative Entgleisungen, die den Text als Parodie
dekuvrieren. Haarsträubende theologische und logische Irrtümer reihen sich aneinan-
der, lateinische Phrasen werden entstellt und missbräuchlich verwendet, mit leicht zu
entschlüsselnden Zweideutigkeiten und sogar mit sexuellen Eindeutigkeiten wird nicht
gegeizt. ImFokusderLächerlichkeitstehtder ngierteKatechet,dersichkonzeptlosvon
einer Assoziation zur nächsten treiben lässt, während seiner Predigt Gewalttätigkeiten
androht, ucht, Sexstellungen auf der Kanzel nachahmt ( Stehend ruckwärts vor-
wärts 94) und andere emp ehlt, Schnupftabak nimmt oder auch mit religösen Druck-
werkenhandelt:
Von diesem schrecklichen Uibel könnts euch aber leicht wieder loskaufen. Schauts Leut, ich hab
Katechismes beimer, sie habn mirs um einen Kreuzer theurer geben wollen, die Bücherkramer
in der Stadt, das sind rechte Wucherer, drauf bin ich halt fortgangen. Endlich hat er mir nach-
geschrien: So gengen Ihro Hochwürden her da, weil Sie's sind, und so hab ich's doch um sechs
Kreutzer kri[e]gt; mithin Schenk ich euch so ein Seelenschatzerl. Ihr müßt mir aber 12 Kreut-
zer dafür geben, fürs Einbinden und Zurichten, hab selber kaum einen Kreutzer dabei. Wer
das Büchel liest, hat hundert, und wer's lesen hört fünfundzwanzig Tag Ablaß. Ist das nicht ein
Bagatelgeld fürdieewigeSeeligkeit?95
Katechismes] Katechismus-Schriften beimer] bei mir Wucherer] auch Name eines berüchtigten Wiener
Buchdruckers gengen]gehen
Mehr Wutrede als Ermahnung, Belehrung oder Erbauung, zeichnet der satirische Text
ein denkbar ungünstiges Bild der katholischen Kanzelrhetorik, deren Wirkungsästhe-
tik nimmt man die Karikatur ernst wesentlich auf Anschuldigungen, Drohungen
undEinschüchterungenzufußenschien:
93 Ebda.,S.5f.
94 Ebda.,S.51.
95 Ebda.,S.29f.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen