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LITERATURSATIRISCHE DIALEKTFUNKTIONALISIERUNG 595
den der Kasperl wieder salonfähig gemacht habe, zumindest für jenen unverständi-
gen Teil des Publikums, dem es in Wirklichkeit mehr um gesellschaftlichen Austausch
und Tratsch gehe, denn um ein Theater, das eigentlich
eine Schule der edlen Sitten,
und des guten Geschmacks 143 zu sein habe. Gustav Gugitz, der die Schrift als erster
edierte, hatte wenig Verständnis für diese leere[n] Wichtigtuereien eines Pseudolite-
ratentums, das alles mißverstand und mit angelesenen Phrasen des Gottschedianismus
punktete 144.
LiteratursatirischeDialektfunktionalisierung
DasKasperl-PasquillwarnureinesvonTausendenDruckwerken,dieunterdennurkurz
herrschenden liberalen Bedingungen der josephinischen
erweiterten Preßfreiheit` ab
1781 den anonymen Buchmarkt uteten und einen Wettbewerb der Meinungen wider-
spiegeln, an dem nun auch Neo-Autoren partizipieren konnten, die unter den früheren
restriktiveren Bedingungen kaum eine Möglichkeit zur Publikation vorgefunden hät-
ten. Dass darunter auch viele Unberufene waren, die mit wertlosen Tageserzeugnissen
rasches Geld machen oder ihren kruden intellektuellen Ergüssen typographisches Ge-
wicht verleihen wollten, wurde schon rasch wiederum in Broschüren re ektiert, die die
ästhetischeQualitätderkritisiertenSchriftenkaumübertrafenundselbstzurWiderrede
reizten. In der 1781 erschienenen, mehrfach aufgelegten Spottschrift Die neue Gestalt
derNarrenversorgunginSt.MarxetwasiehtderungenannteVerfasser möglicherweise
Aloys Blumauer, der mehrfach mit literarischer Kritik an der Broschüren ut hervor-
trat145 etliche seiner Schreiberkollegen reif für die Irrenanstalt und emp ehlt ihnen,
bei ihremLeistenzubleiben:
Seyd's nit so bissig auf einander, verderbt's ja Einer dem Andern den G'spaß, was will das sag'n?
S' kommt nichts r'aus. Seyd's gute Kletz'n, so gebts süss'n Most. Muß denn gleich s' Feuer im
Dach seyn, wenn Einer, oder der Andere einen Fehltritt mit seinem Steckenpferd macht, müßt
nit gleich so harb herfahrn, als wenn schon dem Himmel der Bod'n aus wär; will halt Jeder sein
Kramm aufnMarkt trag'n, mußden Leuten aufall'n Eck'n,und Gass'n langgnug vorurgeln, und
sichhalbtodschrey'n:SchöneRarität! schöneSpilewet! gibsiKreuzer!guksimeinLoch;146
Kletz'n]Birnenharb]böse,wildKramm]Ware, Jahrmarktattraktionvorurgeln]vororgeln:mitderDrehorgel
spielenSchöneRarität!] typischerAusrufeinesJahrmarktanbietersSpilewet]Spielwerk(Nachahmungdesge-
brochenenDeutschsder Marktfahrer) gibsi]gebenSie (s.vorne) guksimeinLoch] schauenSie inmeinLoch
(beiSchaukästen,Cameraeobscuraeetc.)
143 Ebda.,S.20.
144 Gugitz,DerWeilandKasperl, S.280.
145 Vgl.unteranderemdasGedichtDieWienerBüchl-SchreibernachdemLebengeschildertvoneinemWiener
(1783), das gleichfalls dialektale Anklänge nicht scheut und von Nicolai auszugsweise in der Allgemeinen
deutschenBibliothek (1784,57/1,S.590)abgedrucktwurde.
146 Die neue Gestalt der Narren-Versorgung in St. Marx. Drite Auflage. Wien, Gedruckt, und verlegt in der
Jahnschen Universitätsbuchdruckerey, in der grossen Himmelspfortgasse, im kleinen Romhof, Nro 981.
imerstenStock.1781,S.28f.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen