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260 Sektion III: Netzwerke
such des Kaiserpaars in der Kunstkammer. Auffällig ist jedenfalls, dass die Besuche in
der Galerie alljährlich um den 20. April erfolgten (24. April 1721, 22. April 1723,
21. April 1724, 23. April 1725). Die Räumlichkeiten der kaiserlichen Galerie in der
Stallburg waren erst kurz zuvor renoviert worden.18 Einzig 1722 fehlt knapp einen
Monat nach dem Tod des Vertrauten Graf Althann eine entsprechende Nennung.
Das kaiserliche Zeremoniell und damit Fragen der kaiserlichen Repräsentation
werden in den Notizen zwar mehrfach erwähnt, Details oder längere Ausführun-
gen sind aufgrund der Kürze der Einträge aber nicht vorhanden. Karl VI. kommen-
tierte vereinzelt gelungene Zeremonien oder auch Abweichungen vom Zeremoniell.
Ein Reflektieren von kaiserlichen Bauprojekten oder eine vom Kaiser ausgehende
Kunstpolitik ist in den Tagebüchern nicht bzw. diese selbst nur ansatzweise greifbar;
aufgrund ihrer Kürze waren die Einträge dazu letztlich auch wenig geeignet. Immer-
hin finden einzelne Projekte durchaus Eingang in die Notizen (z. B. Bibliotheksbau,
Spanische Spitalskirche, Schwarzspanierkloster). Auffallend ist jedoch insbesondere
im Vergleich zu den politischen Ratgebern das Fehlen der Namen der Protagonisten.
Eine Ausnahme bildet hier allein Pio Niccolo Garelli, der aber vor allem wegen seiner
medizinischen Expertise zu Rate gezogen wurde.
Die Tagebuchnotizen vermitteln also einen Eindruck über den Zugang der kaiser-
lichen Ratgeber zu Karl VI., die Namen der Träger von Kunst und Musik am Kaiser-
hof fehlen im Untersuchungszeitraum jedoch weitgehend. Was könnte dies bedeu-
ten, wenn Gespräche mit diesen Personenkreisen aber stattgefunden haben müssen?
Vielleicht fügten sie sich für Karl VI. weniger stimmig in das Bild des arbeitsamen
Monarchen, das er wohl künftigen Familiengenerationen vermitteln wollte. Folge-
richtig erwähnte er vornehmlich die Namen der politischen Ratgeber neben jenen
seiner Familie. Althann bildet dabei aufgrund seiner besonderen Vertrauensstellung
eine Ausnahme. Neben der tatsächlichen politischen ‚Arbeit‘ wird jedoch sehr wohl
dem Vergnügen in der Erwähnung von Jagden, Scheibenschießen oder Spielrunden
Raum gegeben.
Die Tagebücher können als persönlicher Tätigkeitsbericht des Monarchen verstan-
den werden und waren nicht für eine breite Öffentlichkeit bestimmt. Demnach dien-
ten sie nicht als Mittel der Repräsentation nach außen, zumindest war ihr Inhalt nicht
für andere europäische Höfe bestimmt. Die Frage, inwiefern die Tagebuchführung
des Monarchen ‚von außen‘ wahrgenommen wurde, muss unbeantwortet bleiben. Im
Vergleich dazu steuerte der preußische König Friedrich II. über die Publikationen
seiner Werke eine Generation später durchaus bewusst sein Bild in der Öffentlichkeit
– eine Initiative, die letztlich bis heute wirksam ist. Dagegen trat Karl VI. nicht aktiv
als Autor in Erscheinung, auch wenn der Monarch im Zentrum der höfischen Bericht-
erstattung, etwa des Wiener Diariums oder anlassbezogener Huldigungswerke, stand.
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Titel
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Untertitel
- 1618–1918
- Herausgeber
- Werner Telesko
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 448
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918