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290 Sektion III: Netzwerke
uraufgeführt.20 Der Text stammt aus der Feder des Librettisten Domenico Giovanni
Bonlini21, die Musik von Ignazio Maria Conti, dem Sohn des Hofkomponisten
Francesco Bartolomeo Conti. Bonlini verwendete als Vorlage die Tragödie Rodogune,
princesse des Parthes von Pierre Corneille aus dem Jahre 1644. Auf den ersten Blick
handelt es sich um ein übliches Dramma per musica: Die Oper umfasst drei Akte mit
jeweils einem Ballett nach jedem Akt. Die Überraschung kommt nach dem zweiten
Akt mit der ganz untypischen Angabe „Siegue l’Introduzzione, e Balli alla Francese“.
Diese knappe Ankündigung weist darauf hin, dass statt des üblichen Balletts ein
kleines Divertissement nach französischem Vorbild, mit kurzen, vom Chor auf
Französisch gesungenen Abschnitten als Zwischenakt-Intermezzo eingefügt wurde.
Als Vorlage für diesen Teil diente die Pastorale Fêtes de l’Amour et de Bacchus von Jean-
Baptiste Lully und Philippe Quinault aus dem Jahre 1672. Unter Berücksichtigung
der Tatsache, dass Questenberg einige Partituren französischer Provenienz besaß, kann
man berechtigt annehmen, dass dieser Teil komplett, einschließlich der Musik Lullys,
übernommen worden war. Vielleicht sollte diese Einfügung ein persönlicher Beitrag
Graf Questenbergs zu den Debatten über die Vorteile ‚nationaler‘ Stile sein, die in
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor allem in Frankreich und in Deutschland
intensiv geführt wurden und über die Questenberg, selbst ein hervorragender
Lautenist, Komponist und vor allem gebildeter Aristokrat mit europäischem
Horizont, zweifellos gut informiert war.
Die Persönlichkeit von Graf Johann Adam von Questenberg prägten zwei gewis-
sermaßen korrespondierende Charakterzüge – einerseits seine ungewöhnlich philan-
tropische Beziehung zu seinen Untertanen und andererseits sein mährischer Patrio-
tismus. Bei Graf Questenberg wird der didaktische Anspruch sehr deutlich, den er
mit seinen Aktivitäten auf musikalischem Gebiet verfolgt hat. Denn er war bestrebt,
seine Untertanen mit musikalischen Werken vertraut zu machen, die für sie ansons-
ten unerreichbar gewesen wären. Sie waren für ihn dabei nicht nur Zuhörer, sondern
er war bestrebt, für seine Aufführungen ein qualitativ hochstehendes Ensemble – aus
den Reihen seiner Untertanen und Bediensteten – aufzubauen. Aus diesem Grund
engagierte der Graf keine italienischen Musiker und Sänger. Stattdessen förderte er
intensiv die musikalische Erziehung der Jugend, so durch eine enge Zusammenar-
beit der Jarmeritzer Schlosskapelle, Kirche und Schule. Mit Questenbergs philan-
tropischen wie patriotischen Bestrebungen hängt auch zusammen, dass er mehrere
Werke auf Tschechisch, einer bis dahin auf Opernbühnen nur äußerst selten gehörten
Sprache, aufführen ließ. So brachte er landessprachliche Aufführungen in das primär
tschechischsprachige Gebiet von Jarmeritz und Umgebung.
Im sprachlichen Zusammenhang ist ein weiteres Phänomen bemerkenswert, näm-
lich die Aufführungen musikdramatischer Werke durch begabte adelige Kinder. Ab
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Titel
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Untertitel
- 1618–1918
- Herausgeber
- Werner Telesko
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 448
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918