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Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
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236 | Dinge – Nutzer – Netze Situiertheit des Museumsbesuches überhaupt: Das Publikum nimmt nicht nur Vor- wissen, Interessenlagen und Meinungen mit ins Museum, sondern, wie Hooper- Greenhill es zuspitzt, »the rest of their lives« (vgl. ebd.). Partizipativ zu kuratieren würde daher für den menschlichen Kurator aus Fleisch und Blut auch beinhalten müssen, dass seine Arbeit nun nicht mehr nur um die Ma- terialität der Dinge und die ihnen von Experten zugeschriebenen Bedeutungen kreist, sondern auch um eine Größe, die in weiten Teilen weder bekannt noch messbar ist: nämlich das ›kulturelle Bewusstsein‹, das die Besucher als Masse und als Individuen an und in jede Ausstellung heran- und hereintragen ‒ und damit, um die Konfusion komplett zu machen, auch aneinander. Mit dieser Gemengelage in ihrer vollen Kom- plexität umzugehen, ist natürlich von menschlichen Museumsschaffenden in physi- schen Museumsräumen überhaupt nicht zu leisten. Franz Boas identifizierte die Ar- beit von Kuratoren ja bereits als die ewige Suche nach Kompromissen zwischen den Bedeutungspotentialen von Dingen und der Aufnahmefähigkeit eines angedachten Publikums. Nicht nur die Fähigkeit der Besucher zur Sinnstiftung ist begrenzt, son- dern auch die der Kuratoren, diese Sinnstiftung zu antizipieren. Insofern suchen Mu- seen in ihrer Ausstellungspraxis gemeinsame (wenn auch nicht unbedingt kleinste gemeinsame) Nenner nicht nur zwischen der größtmöglichen Zahl ihrer gedachten Besucherschaft, sondern auch zwischen dieser Besucherschaft und ihrem eigenen Kuratorium. So besteht in jeder musealen Ausstellungspraxis ‒ ob sie sich nun die Partizipation konzeptuell auf die Fahnen schreibt oder nicht ‒ ein implizites, rezipro- kes Verhältnis zwischen Machern und Betrachtern. Weil das Museum eben keine geschlossene Schatzkammer ist und die Darbietungstätigkeit definitorisch zu ihm ge- hört, können Kuratoren gar nicht umhin, den Besucher in jedem Aspekt ihrer Arbeit mitzudenken. Hierbei ist ›der Besucher‹ aber unweigerlich ein imaginärer Idealtypus, dessen Realitätsbezug diskursiv erst hergestellt werden muss. Dies kann eben bei- spielsweise durch demographische Besucherforschung geschehen. In vielen (wahr- scheinlich gar den meisten) Fällen wird ›der Besucher‹ als Vorstellung aber im Wis- sensstand und der Psychologie ganz individueller Kuratoren und Kuratorenteams be- heimatet sein und sich aus deren Erfahrungswerten, Hoffnungen, Wünschen, Idealen, Ängsten, Vorbehalten usw. zusammensetzen. Kurzum: Es gibt keinen Grund anzu- nehmen, dass das Publikum aus der Sicht der Kuratoren mit weniger Deutungspoten- tialen versehen ist, als Museumsdinge und Ausstellungen es aus der Sicht der Besu- cher sind. Nun sind mit Software-Infrastrukturen wie Suchmaschinen und Empfehlungssys- temen im Web Mechanismen am Werke, die eben gerade Muster und Bewegungen von Bedeutung und Bezüglichkeit numerisch nachvollziehbar machen sollen, und für die zwischen erwartbarer Masse und vermeintlich unvorhersehbarer Einzelperson keine Kluft, sondern eine Kopplung besteht. Für Google erhalten einzelne Webseiten Relevanz eben gerade aus der Beschaffenheit ihrer Anbindung ans restliche Web.
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Dinge – Nutzer – Netze Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Titel
Dinge – Nutzer – Netze
Untertitel
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Autor
Dennis Niewerth
Verlag
transcript Verlag
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-4232-6
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
428
Schlagwörter
Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
Kategorie
Medien
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