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Situiertheit des Museumsbesuches überhaupt: Das Publikum nimmt nicht nur Vor-
wissen, Interessenlagen und Meinungen mit ins Museum, sondern, wie Hooper-
Greenhill es zuspitzt, »the rest of their lives« (vgl. ebd.).
Partizipativ zu kuratieren würde daher für den menschlichen Kurator aus Fleisch
und Blut auch beinhalten müssen, dass seine Arbeit nun nicht mehr nur um die Ma-
terialität der Dinge und die ihnen von Experten zugeschriebenen Bedeutungen kreist,
sondern auch um eine Größe, die in weiten Teilen weder bekannt noch messbar ist:
nämlich das ›kulturelle Bewusstsein‹, das die Besucher als Masse und als Individuen
an und in jede Ausstellung heran- und hereintragen ‒ und damit, um die Konfusion
komplett zu machen, auch aneinander. Mit dieser Gemengelage in ihrer vollen Kom-
plexität umzugehen, ist natürlich von menschlichen Museumsschaffenden in physi-
schen Museumsräumen überhaupt nicht zu leisten. Franz Boas identifizierte die Ar-
beit von Kuratoren ja bereits als die ewige Suche nach Kompromissen zwischen den
Bedeutungspotentialen von Dingen und der Aufnahmefähigkeit eines angedachten
Publikums. Nicht nur die Fähigkeit der Besucher zur Sinnstiftung ist begrenzt, son-
dern auch die der Kuratoren, diese Sinnstiftung zu antizipieren. Insofern suchen Mu-
seen in ihrer Ausstellungspraxis gemeinsame (wenn auch nicht unbedingt kleinste
gemeinsame) Nenner nicht nur zwischen der größtmöglichen Zahl ihrer gedachten
Besucherschaft, sondern auch zwischen dieser Besucherschaft und ihrem eigenen
Kuratorium. So besteht in jeder musealen Ausstellungspraxis ‒ ob sie sich nun die
Partizipation konzeptuell auf die Fahnen schreibt oder nicht ‒ ein implizites, rezipro-
kes Verhältnis zwischen Machern und Betrachtern. Weil das Museum eben keine
geschlossene Schatzkammer ist und die Darbietungstätigkeit definitorisch zu ihm ge-
hört, können Kuratoren gar nicht umhin, den Besucher in jedem Aspekt ihrer Arbeit
mitzudenken. Hierbei ist ›der Besucher‹ aber unweigerlich ein imaginärer Idealtypus,
dessen Realitätsbezug diskursiv erst hergestellt werden muss. Dies kann eben bei-
spielsweise durch demographische Besucherforschung geschehen. In vielen (wahr-
scheinlich gar den meisten) Fällen wird ›der Besucher‹ als Vorstellung aber im Wis-
sensstand und der Psychologie ganz individueller Kuratoren und Kuratorenteams be-
heimatet sein und sich aus deren Erfahrungswerten, Hoffnungen, Wünschen, Idealen,
Ängsten, Vorbehalten usw. zusammensetzen. Kurzum: Es gibt keinen Grund anzu-
nehmen, dass das Publikum aus der Sicht der Kuratoren mit weniger Deutungspoten-
tialen versehen ist, als Museumsdinge und Ausstellungen es aus der Sicht der Besu-
cher sind.
Nun sind mit Software-Infrastrukturen wie Suchmaschinen und Empfehlungssys-
temen im Web Mechanismen am Werke, die eben gerade Muster und Bewegungen
von Bedeutung und Bezüglichkeit numerisch nachvollziehbar machen sollen, und für
die zwischen erwartbarer Masse und vermeintlich unvorhersehbarer Einzelperson
keine Kluft, sondern eine Kopplung besteht. Für Google erhalten einzelne Webseiten
Relevanz eben gerade aus der Beschaffenheit ihrer Anbindung ans restliche Web.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien