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damit beschäftigt, sie zu verwirklichen ‒ und über Schlupflöcher in der Logik von
Suchmaschinenrankings deren Sinn und Funktion auszuhebeln, um parasitär von
ihnen zu profitieren. Die Suchmaschinenbetreiber wiederum haben natürlich ein In-
teresse daran, dass ihre Nutzer hilfreiche Trefferlisten zu sehen bekommen und auch
in Zukunft ihrer Dienstleistung die Treue halten. Entsprechend gibt es auch Firmen,
die MFA-Seiten aufspüren und abschalten ‒ und zwar sowohl im Auftrag von Such-
maschinenbetreibern, als auch in jenem von Internet-Werbeträgern. MFA-Seiten ge-
nerieren nämlich erfahrungsgemäß extrem hohe Ansichtszahlen für Internetwerbung,
aber so gut wie keine neuen Kunden und beschädigen darüber hinaus das Fir-
menimage. Sie nutzen also tatsächlich nur ihren eigenen Betreibern und schädigen
werbende Firmen ebenso wie Suchmaschinen und suchende Nutzer (vgl. Simanowski
2008: 69f.).
Indes verweist die Prävalenz von MFA-Seiten darauf, wie sehr die Suchmaschine
als Portaltechnologie längst unseren Internetkonsum bestimmt. War die Frage Ende
der 1990er Jahre noch, wie eine Suchmaschine beschaffen sein müsste, um sich dem
Web anzupassen, gilt es nun für die Gestalter von Webseiten, Mittel und Wege zu
finden, um Ranking-Algorithmen zu bedienen und sich opportun in Trefferlisten zu
platzieren. Laut Pratty bedeutet aus diesem Grunde Virtualisierung für Museen nicht
nur eine Transformation in ein ›Museum ohne Wände‹, sondern vielmehr eine Um-
stülpung des Museumsdispositivs von innen nach außen. Soll ein virtuelles Muse-
umsangebot tatsächlich ein Publikum erreichen, dann muss es Prattys Ansicht nach
ganz bewusst und gezielt genau diesen Anschluss an eine bestehende und mächtige
Infrastruktur suchen. Das virtuelle Museum ist im Gegensatz zum physischen keine
souveräne und diskrete Sinnmaschine mehr, sondern ein Subsystem innerhalb eines
sehr viel größeren Machinamentums. Natürlich hat auch das Museum immer inner-
halb urbaner Landschaften existiert, zu denen es in mehr oder minder ausdrücklichen
Beziehungsgefügen steht ‒ André Malraux hat dies ja in seinen Betrachtungen zur
Authentizität des Museums herausgestellt ‒ aber als Dispositiv hat es die Abgrenzung
von der Außenwelt zu einem seiner Leitprinzipien gemacht. Das virtuelle Museum
hingegen müsse, so Pratty, sein Inneres nach außen kehren und seine Sinnstiftung an
Suchmaschinen veräußern ‒ oder vielleicht auch: Die Modalitäten der Sinnstiftung
durch Suchmaschinen verinnerlichen, indem es seinen inneren Aufbau auf die Such-
muster zuschneidet, die Google und Co. ihm zuführen (vgl. Pratty 2006).
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien