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neun Kacheln auf diverse Unterbereiche der Ausstellung zugreifen: so z.B. auf Bio-
graphisches zur Person Cronenberg, Einflüsse von Wissenschaft und Medizin auf die
Bildersprache seiner body horror-Filme, eine ›interaktive Zeitleiste‹ (deren Interak-
tivität sich darauf beschränkt, dass der Nutzer durch sie hindurchscrollen und gele-
gentlich Felder anklicken darf, die Video- oder Audio-Schnipsel abspielen), ›Hinter-
den-Kulissen‹-Videomaterial, Filmrequisiten, usw.57 Schnell stellt sich jedoch her-
aus, dass die sich hinter diesen Kacheln verbergenden Inhalte tatsächlich überwie-
gend die Form filmwissenschaftlicher Traktate (inklusive Zitationsapparat) anneh-
men, die mit Video-, Audio-, und Bildmaterial illustriert sind, dem Nutzer aber nicht
erlauben, dieses Material außerhalb ihrer linearen Textstruktur zu erkunden. In wie-
weit es hier noch Sinn macht, überhaupt den Museums- oder Ausstellungsbegriff zu
bemühen, ist trefflich streitbar. Am musealsten erscheinen noch die stellenweise in
die Texte eingefügten Filmrequisiten, die in hochauflösenden 360°-Fotografien auf-
genommen wurden und per Mausklick entlang der Längsachse rotiert werden kön-
nen. Hierzu gehören u.a. der Accumicon-Helm aus Videodrome (1983) und die orga-
nische Spielkonsole aus eXistenZ (1999).58
Das VMC erscheint insgesamt als ein Mikrokosmos des Phänomens Muse-
umsvirtualisierung schlechthin. Einerseits steht es im Zeichen großer Ziele digitali-
sierter Kulturvermittlung, die auf Malraux und Benjamin ebenso zurückweisen wie
auf die Vordenker der Hypertexttheorie: Es will sowohl verstreute Sammlungsbe-
stände zusammenführen als auch Plattform für zahlreiche in sich geschlossene ima-
ginäre Museumsprojekte sein, die in den Räumen der Mutterinstitutionen nicht zu
realisieren wären – zumindest nicht, ohne das bestehende Ausstellungsgefüge zu op-
fern, um die Objekte für ein neues freizustellen. Das ehrliche Verlangen, intermedial
zu kuratieren – Text, Bild, Ton und Video miteinander zu verschränken und einander
zuarbeiten, interaktive Elemente einfließen zu lassen – zieht sich sichtbar durch die
verschiedenen Ausstellungen, auch wenn die Umsetzungen nicht immer geglückt
scheinen. Das ganze Projekt ist ferner auf Prozesshaftigkeit und Skalierbarkeit aus-
gerichtet, soll mit den Ideen der ausstellenden Häuser und ihrer Kuratoren wachsen
und ein weit über die kanadische Öffentlichkeit hinausreichendes Publikum bedie-
nen.
Andererseits aber sammelt das VMC mit seinen Ausstellungen auch technische
Irrwege, verfehlte Vermittlungsstrategien und Missverständnisse dessen, was mit
dem WWW und dem Medium Hypertext eigentlich angezeigt und möglich wäre. Be-
sonders auffällig ist dabei der Verzicht des VMC auf Verschaltung und Connected-
ness der Sammlungen untereinander. Mit Recht darf man fragen, ob ein solcher über-
haupt zu leisten wäre, ohne das Kernkonzept des Angebotes – nämlich eine Plattform
57 Vgl. http://cronenbergmuseum.tiff.net/accueil-home-eng.html vom 01.10.2015.
58 Vgl. http://cronenbergmuseum.tiff.net/artefacts-artifacts-eng.html vom 01.10.2015.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien