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war, fand auch den Weg ins Radio. Als Hörspiel brachte der amerikanische Besat-
zungssender „Rot-Weiß-Rot“ eine Bearbeitung unter dem Titel „Romeo und
Julia in Wien 1954“.37 Auch eine Verfilmung aus dem Jahre 1956, für deren Regie
Rudolf Jugert verantwortlich zeichnete, brachte den Stoff einem breiteren Pub-
likum zur Kenntnis. Allerdings wurde der Titel geändert und auch das Ende,
denn Nina sollte, wie Die österreichische Filmillustrierte berichtete,
kein politischer Film werden. ‚Nina‘ ist eine Liebesgeschichte, die lediglich durch
politische Umstände kompliziert wird. So einfach, wie es sein sollte, wenn zwei
Menschen füreinander bestimmt sind, kommen nämlich die russische Sekretärin
der TASS-Agentur in Wien und der ebenfalls dienstlich in Wien weilende ameri-
kanische Reporter Frank nicht zusammen. Da muß erst Franks Freund im Zwei-
kampf mit einem eifersüchtigen Iwan erschossen und Frank selbst aus Notwehr
zum Mörder werden. Für Nina, die um ihrer in Rußland lebenden Eltern willen
auf die verbotene Liebe zu Frank verzichten will, gibt es mit dem österreichischen
Staatsvertrag ein Happy-End.38
Der Drehbuchautor Helmut Fischer-Ashley änderte auch die Schauplätze der
Romanvorlage. So verlegte er z.B. die zentrale Szene, die Abschiedsfeier des
Monsieur Gobineau vom Hotel de France in das Hotel Bristol. Die Protagonis-
ten wurden aus rechtlichen Gründen auf Nina und Frank umgetauft, die Rollen
mit Anouk Aimée und Karlheinz Böhm besetzt. Die titelgebende „Nina“ war
auch eine direkte Referenz auf Lubitschs Ninotschka, der als Vorbild diente und,
so Fischer-Ashley, immer noch „der schönste Film zum Thema Liebe im Ost-
West-Konflikt“ wäre.39
Das Autorenduo Dor und Federmann hält sich hinsichtlich Handlung, Kon-
figuration und dem tragischen Ende eng an den klassischen Stoff. Nur am Ende
gibt es keine Versöhnung zwischen den verfeindeten Familien Capulet und Mon-
tague wie im Shakespeare’schen Original, da es sich um die verfeindeten Super-
mächte des Kalten Krieges handelt. Die Modernisierung des Schauplatzes in das
von den vier Besatzungsmächten kontrollierte Wien der ersten Hälfte der
1950er-Jahre wird durch Blicke hinter den Eisernen Vorhang und das dort herr-
schende totalitäre System ergänzt. Dies geschieht unter den Vorzeichen der Kri-
tik am sowjetischen System.
Eine völlig andere Konstellation hinsichtlich Ort, Figuren, Handlung sowie
politischer Ausrichtung entwirft der kommunistische Schriftsteller und Journalist
37 Vgl. Weltpresse hört für sie. In: Weltpresse, 29.9.1954.
38 N.N.: In Wiens Straßen dreht man NINA. In: Mein Film. Die österreichische Filmillustrierte.
24 (1956) S. 15.
39 N.N.: „Nina“ – ein Schicksal aus Wiens Besatzungszeit. In: Weltpresse, 3.11.1956.
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104 3 Romeo und Julia im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918