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ter konsumierbar zu machen, wie der Journalist und Freund Torbergs William
S.
Schlamm anmerkt. Schlamm bezeichnete die Liebesgeschichte als durchaus
gelungen, Torberg hingegen bestritt gegenüber Schlamm, einen politischen
Roman vor der Folie einer Liebesgeschichte geschrieben zu haben, sondern ver-
lautete, dass sein Text das genaue Gegenteil meine. Nach Selbstaussagen Tor-
bergs ist es „die Geschichte einer Liebe, die sich bewährt, und einer Freundschaft,
die von der Politik zugrunde gerichtet wird“.93
Die Geschichte des Liebespaares ist den zeitgeschichtlichen Ereignissen unter-
worfen. Der junge Prager Theaterkritiker Martin Dub musste 1939 vor den Nati-
onalsozialisten ins Exil fliehen und kehrt nach dem Krieg in die befreite Tschechos-
lowakei zurück. Nach seiner Rückkehr beobachtet er mit Unruhe das sich
verschärfende politische Klima, versucht auch noch gegen die sich abzeichnen-
de kommunistische Machtübernahme anzuschreiben. Als sich Martin drei
Wochen nach der Machtergreifung durch die kommunistische Partei aus seinem
Versteck wieder ins Freie wagt, trifft er unverhofft Wera Kirsanowa wieder, die
er seit acht Jahren nicht mehr gesehen hat. Wera war seine große Liebe vor dem
Krieg, eine Tänzerin des „Ballet Russe de Paris“, die dann „mit aller Gewalt als
Schauspielerin hat Karriere machen wollen“ (ebd.). Sie begleitete Martin auf sei-
ner Flucht nach Frankreich nicht, stand den ideologischen Konstellationen unkri-
tisch, sogar opportunistisch gegenüber: „Was zum Teufel hatten die politischen
Verhältnisse eines Landes mit ihrem Theaterspielen zu tun?“ (ZB 68). Während
des Zweiten Weltkriegs trat sie mit einem Ensemble in Paris und an der Ostfront
vor Nazitruppen auf. Dort wurde sie von einer Gruppe tschechischer Wider-
standskämpfer kontaktiert, die ihr anboten, sie hinter die russischen Linien in
Sicherheit zu bringen. Als gebürtige Russin ging Wera „weniger aus patriotischen
oder sonstwie heldenhaften Motiven“ (ZB 151) darauf ein und gelangte nach
Moskau. Dort wurde sie „unter die Obsorge eines tschechischen Komitees“
gestellt, die jedoch „praktisch einer Überwachung“ (ebd.) glich. So entschloss
sie sich, die Ehe mit einem tschechischen Parteifunktionär einzugehen, der ihr
„ein immer deutlicheres Interesse zuwandte“ (ebd.).
Wie sie Martin bei ihrer Wiederbegegnung erklärt, „hatte das alles auch sei-
nerseits“ (ZB 151) mit Liebe wenig zu tun. Ihr Mann, der „an besonders zukunfts-
reicher Stelle in der Parteihierarchie“ (ZB 152) steht, und an dessen Aufstieg
innerhalb der Partei Wera beteiligt ist, erhält denn auch nach dem Prager Putsch
durch die Kommunisten einen „wichtige[n] und vertrauliche[n] Posten“ (ebd.).
Wera ist aber keine überzeugte Kommunistin und entscheidet sich letztendlich
93 Manuskript der Sendung. In: Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Friedrich Torberg, Box
21/6, zit. n. Marcel Atze: „Was von einem ganzen Lebenswerke bleibt“. Friedrich Torbergs Pro-
satexte zwischen Produktion und Rezeption. In: Ders., Marcus G. Patka (Hg.): Die „Gefahren
der Vielseitigkeit“. Friedrich Torberg 1908–1979. Wien: Holzhausen 2008, S.
25–58, hier S.
48.
Liebe zwischen Ost und West 129
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918