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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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den Faschismus fortzusetzen. Zunächst meldet sich Schindler freiwillig zur Roten Armee, möchte zu den Luftstreitkräften der Sowjetunion, ist jedoch als Flieger untauglich und dient dann bis 1937 als einfacher Soldat der Infanterie, „putzte Dreck und lernte schießen und parieren, und wenn ich alles so tat, wie man es verlangte, dann hatte man nichts gegen mich“ (HL 285). Ein Ereignis im Herbst 1936, das ihm in Erinnerung bleibt, ist die Begleitung eines Gefangenentrans- ports, „ganz besondere Schurken, denen kein Mittel zu schlecht war, die Sow- jetheimat ins Unglück zu stürzen, Spione, Diversanten und Terroristen“ (HL 286), die in den Gulag eskortiert werden. Hier beginnt Schindlers Reflexion über seine eigene Verstrickung im totalitären System und er macht sich dabei keine Illusionen über das Ausmaß der eigenen Involvierung in die Verbrechen: es war meine Pflicht, das Gegenteil von dem, was ich erkannt hatte, deutlich und mit lauter Stimme hinauszuschreien. Es war meine Pflicht, meine Freunde zu ver- raten. Sie zu beschimpfen. So zu tun, als hätte ich sie nie gekannt. Sie in Ketten zu legen und in ihrem Gestank ersticken zu lassen. Sie zu erschießen. Und als ich mir die scheinbar akademische Frage vorlegte, ob ich das alles im entscheidenden Augenblick wirklich tun würde, sprang mir unversehens die Antwort ins Bewußt- sein: du hast es ja schon getan. (HL 290  f.) Das Jahr 1937, in dem zwei Millionen Menschen verhaftet, 700.000 ermordet, knapp 1,3 Millionen in Lagern oder Arbeitskolonien verschwanden, war hin- sichtlich des stalinistischen Terrors, wie Karl Schlögel anmerkt, „ein qualitativer Sprung, ein Exzess im Exzess“.53 Nur wenige der Verhafteten, Verurteilten und Erschossenen wussten, warum sie verfolgt oder umgebracht wurden. Schindler weiß um diese Massenverhaftungen, die nach der Ermordung des bedeutenden Parteifunktionärs Sergei Mironowitsch Kirow einsetzten. Die „Säuberung jeweils bestimmte[r] Gruppen“ und die Schauprozesse sind Schindler bekannt, er wähnt sich zunächst jedoch sicher und hofft darauf, dass ihm nichts geschieht, solange er „brav und still [s]eine Pflicht“ (HL 282  f.) erfüllt. Auf dem Höhepunkt der „Säuberungen“ wird Schindler jedoch verhaftet und eingesperrt, aufgrund der Denunziation durch einen Kollegen, der ihm Karrie- re und das private Glück mit Dascha Weber-Burzewa missgönnt, die aus einer hochangesehenen deutsch-russischen Familie in „Exklusivstellung“ (HL 275) stammt und als Sekretärin der von Heller herausgegebenen Zeitschrift fungiert. Wie ihm ein Kommissar im Verlauf des Verhörs erklärt, läuft eine Anzeige nach „Paragraph 58/10“ gegen ihn, der sich auf „Agitation gegen die Sowjetunion“ (HL 304) bezieht.54 Schindler landet in einer dunklen und stinkenden Zelle und 53 Schlögel: Terror und Traum, S. 21. 54 McLoughlin und Vogl betonen, dass es dem NKWD „ausnahmslos darum [ging], dem Unter- Darstellungsformen des Totalitarismus 151
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
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