Page - 151 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 151 -
Text of the Page - 151 -
den Faschismus fortzusetzen. Zunächst meldet sich Schindler freiwillig zur Roten
Armee, möchte zu den Luftstreitkräften der Sowjetunion, ist jedoch als Flieger
untauglich und dient dann bis 1937 als einfacher Soldat der Infanterie, „putzte
Dreck und lernte schießen und parieren, und wenn ich alles so tat, wie man es
verlangte, dann hatte man nichts gegen mich“ (HL 285). Ein Ereignis im Herbst
1936, das ihm in Erinnerung bleibt, ist die Begleitung eines Gefangenentrans-
ports, „ganz besondere Schurken, denen kein Mittel zu schlecht war, die Sow-
jetheimat ins Unglück zu stürzen, Spione, Diversanten und Terroristen“ (HL
286), die in den Gulag eskortiert werden. Hier beginnt Schindlers Reflexion über
seine eigene Verstrickung im totalitären System und er macht sich dabei keine
Illusionen über das Ausmaß der eigenen Involvierung in die Verbrechen:
es war meine Pflicht, das Gegenteil von dem, was ich erkannt hatte, deutlich und
mit lauter Stimme hinauszuschreien. Es war meine Pflicht, meine Freunde zu ver-
raten. Sie zu beschimpfen. So zu tun, als hätte ich sie nie gekannt. Sie in Ketten
zu legen und in ihrem Gestank ersticken zu lassen. Sie zu erschießen. Und als ich
mir die scheinbar akademische Frage vorlegte, ob ich das alles im entscheidenden
Augenblick wirklich tun würde, sprang mir unversehens die Antwort ins Bewußt-
sein: du hast es ja schon getan. (HL 290 f.)
Das Jahr 1937, in dem zwei Millionen Menschen verhaftet, 700.000 ermordet,
knapp 1,3 Millionen in Lagern oder Arbeitskolonien verschwanden, war hin-
sichtlich des stalinistischen Terrors, wie Karl Schlögel anmerkt, „ein qualitativer
Sprung, ein Exzess im Exzess“.53 Nur wenige der Verhafteten, Verurteilten und
Erschossenen wussten, warum sie verfolgt oder umgebracht wurden. Schindler
weiß um diese Massenverhaftungen, die nach der Ermordung des bedeutenden
Parteifunktionärs Sergei Mironowitsch Kirow einsetzten. Die „Säuberung jeweils
bestimmte[r] Gruppen“ und die Schauprozesse sind Schindler bekannt, er wähnt
sich zunächst jedoch sicher und hofft darauf, dass ihm nichts geschieht, solange
er „brav und still [s]eine Pflicht“ (HL 282 f.) erfüllt.
Auf dem Höhepunkt der „Säuberungen“ wird Schindler jedoch verhaftet und
eingesperrt, aufgrund der Denunziation durch einen Kollegen, der ihm Karrie-
re und das private Glück mit Dascha Weber-Burzewa missgönnt, die aus einer
hochangesehenen deutsch-russischen Familie in „Exklusivstellung“ (HL 275)
stammt und als Sekretärin der von Heller herausgegebenen Zeitschrift fungiert.
Wie ihm ein Kommissar im Verlauf des Verhörs erklärt, läuft eine Anzeige nach
„Paragraph 58/10“ gegen ihn, der sich auf „Agitation gegen die Sowjetunion“
(HL 304) bezieht.54 Schindler landet in einer dunklen und stinkenden Zelle und
53 Schlögel: Terror und Traum, S. 21.
54 McLoughlin und Vogl betonen, dass es dem NKWD „ausnahmslos darum [ging], dem Unter-
Darstellungsformen des Totalitarismus 151
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918