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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Seite - 154 -
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eines österreichischen Emigranten in der Sowjetunion des „Großen Terrors“ stellt er auch die Frage nach der Verstrickung des Individuums in das totalitäre System, die höchst unbequeme Frage nach der Austauschbarkeit der Rollen von Opfer und Täter, die von Torbergs politischem Rigorismus weit entfernt ist. Milo Dor, Reinhard Federmanns enger Freund und Partner vieler gemeinsa- mer Schreibprojekte,58 hat die totalitäre Gewalt am eigenen Leib verspürt und sich in mehreren Texten immer wieder damit auseinandergesetzt. Von besonderem Interesse ist dabei die heute weitgehend vergessene, knapp 35 Seiten lange, novel- lenartig strukturierte Erzählung Salto mortale,59 die das Thema totalitärer Macht auf spezifisch literarische Weise aufgreift.60 Die Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus hatte für Dor dabei nicht nur autobiographische Relevanz, sondern stand wie bei Federmann auch im Zentrum seines Selbstverständnisses als poli- tischer Autor. In seinen Fragmenten einer Autobiographie bezeichnet er Hitler und Stalin sarkastisch als seine „Paten“, die schon in seinem Geburtsjahr 1923 über seine Wiege gebeugt standen.61 Dor wuchs in Jugoslawien auf und schloss sich 1940 in Belgrad dem ‚Ortskomitee des Bundes der kommunistischen Jugend Jugo- slawiens‘ an. Er war in der Folge im antifaschistischen Widerstand aktiv und wur- de 1942 von der serbischen Spezialpolizei, den Helfern der nationalsozialistischen Besatzer Belgrads, verhaftet und gefoltert. 1943 wurde er als Zwangsarbeiter nach Wien gebracht, wo er im September 1944 von der Gestapo verhaftet und erneut gefoltert wurde. Nach Kriegsende blieb Dor in Wien und begann in der Zeitschrift Plan und in ihrem Umfeld erste Texte zu veröffentlichen. Salto mortale wurde bei einem Treffen der Gruppe 47 im Oktober 1959 auf Schloss Elmau bei Gar- misch vom Autor gelesen und fand dort laut der damaligen Ausgabe des Wochen- magazins Die Zeit „viel Beifall und manchen Widerspruch“62. Die Ausgangssituation von Salto mortale lehnt sich an Franz Kafkas radikale Expositionen an, auch wenn sie etwas umständlicher und mit weniger Drama- tik erzählt wird. Da wacht einer an „einem ganz gewöhnlichen Tag“, wie gleich 58 Vgl. dazu Günther Stocker: Der Fall Federmann oder Wie man außerhalb des Kanons bleibt. In: Jürgen Struger (Hg.): Der Kanon – Perspektiven, Erweiterungen und Revisionen. Wien: Praesens 2008, S.  225–238, und Günther Stocker: Jenseits des „Dritten Mannes“. Kalter Krieg und Besatzungszeit in österreichischen Thrillern der fünfziger Jahre. In: Michael Hansel, Micha- el Rohrwasser (Hg.): Kalter Krieg in Österreich. Literatur – Kunst – Kultur. Wien: Zsolnay 2010, S.  108–122. 59 Milo Dor: Salto mortale. In: Ders.: Salto mortale. Erzählungen. Zürich: Arche 1960, S.  5–41 [Im Folgenden mit SM abgek.]. 60 Bei den folgenden Ausführungen zu Salto mortale handelt es sich um eine gekürzte Fassung von: Günther Stocker: „Zone des Schweigens“. Totalitarismuskritik bei Milo Dor. In: Ders., Rohrwasser (Hg.): Spannungsfelder, S.  265–286. 61 Milo Dor: Auf dem falschen Dampfer. Fragmente einer Autobiographie. Wien, Darmstadt: Zsolnay 1988, S.  43. 62 Die Zeit, 6.11.1959, S. 7–8, hier S. 7. Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 154 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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