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eines österreichischen Emigranten in der Sowjetunion des „Großen Terrors“
stellt er auch die Frage nach der Verstrickung des Individuums in das totalitäre
System, die höchst unbequeme Frage nach der Austauschbarkeit der Rollen von
Opfer und Täter, die von Torbergs politischem Rigorismus weit entfernt ist.
Milo Dor, Reinhard Federmanns enger Freund und Partner vieler gemeinsa-
mer Schreibprojekte,58 hat die totalitäre Gewalt am eigenen Leib verspürt und sich
in mehreren Texten immer wieder damit auseinandergesetzt. Von besonderem
Interesse ist dabei die heute weitgehend vergessene, knapp 35 Seiten lange, novel-
lenartig strukturierte Erzählung Salto mortale,59 die das Thema totalitärer Macht
auf spezifisch literarische Weise aufgreift.60 Die Auseinandersetzung mit dem
Totalitarismus hatte für Dor dabei nicht nur autobiographische Relevanz, sondern
stand wie bei Federmann auch im Zentrum seines Selbstverständnisses als poli-
tischer Autor. In seinen Fragmenten einer Autobiographie bezeichnet er Hitler und
Stalin sarkastisch als seine „Paten“, die schon in seinem Geburtsjahr 1923 über
seine Wiege gebeugt standen.61 Dor wuchs in Jugoslawien auf und schloss sich
1940 in Belgrad dem ‚Ortskomitee des Bundes der kommunistischen Jugend Jugo-
slawiens‘ an. Er war in der Folge im antifaschistischen Widerstand aktiv und wur-
de 1942 von der serbischen Spezialpolizei, den Helfern der nationalsozialistischen
Besatzer Belgrads, verhaftet und gefoltert. 1943 wurde er als Zwangsarbeiter nach
Wien gebracht, wo er im September 1944 von der Gestapo verhaftet und erneut
gefoltert wurde. Nach Kriegsende blieb Dor in Wien und begann in der Zeitschrift
Plan und in ihrem Umfeld erste Texte zu veröffentlichen. Salto mortale wurde
bei einem Treffen der Gruppe 47 im Oktober 1959 auf Schloss Elmau bei Gar-
misch vom Autor gelesen und fand dort laut der damaligen Ausgabe des Wochen-
magazins Die Zeit „viel Beifall und manchen Widerspruch“62.
Die Ausgangssituation von Salto mortale lehnt sich an Franz Kafkas radikale
Expositionen an, auch wenn sie etwas umständlicher und mit weniger Drama-
tik erzählt wird. Da wacht einer an „einem ganz gewöhnlichen Tag“, wie gleich
58 Vgl. dazu Günther Stocker: Der Fall Federmann oder Wie man außerhalb des Kanons bleibt.
In: Jürgen Struger (Hg.): Der Kanon – Perspektiven, Erweiterungen und Revisionen. Wien:
Praesens 2008, S. 225–238, und Günther Stocker: Jenseits des „Dritten Mannes“. Kalter Krieg
und Besatzungszeit in österreichischen Thrillern der fünfziger Jahre. In: Michael Hansel, Micha-
el Rohrwasser (Hg.): Kalter Krieg in Österreich. Literatur – Kunst – Kultur. Wien: Zsolnay
2010, S. 108–122.
59 Milo Dor: Salto mortale. In: Ders.: Salto mortale. Erzählungen. Zürich: Arche 1960, S. 5–41
[Im Folgenden mit SM abgek.].
60 Bei den folgenden Ausführungen zu Salto mortale handelt es sich um eine gekürzte Fassung
von: Günther Stocker: „Zone des Schweigens“. Totalitarismuskritik bei Milo Dor. In: Ders.,
Rohrwasser (Hg.): Spannungsfelder, S. 265–286.
61 Milo Dor: Auf dem falschen Dampfer. Fragmente einer Autobiographie. Wien, Darmstadt:
Zsolnay 1988, S. 43.
62 Die Zeit, 6.11.1959, S. 7–8, hier S. 7.
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154 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918