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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Alles war still. Man hatte mich in eine Zone des Schweigens gedrängt und nie- mand war da, der mir erklären konnte, was eigentlich mit mir geschehen war. Ich wußte nicht, ob ich noch lebte oder schon tot war. Vielleicht war ich schon verges- sen, ehe ich angefangen hatte, mich bemerkbar zu machen. (SM 27) Und genau hier kippt der bislang kafkaesk-unheimliche Text ins politisch Kon- krete: Aber ich war nicht tot. Und ich war auch nicht vergessen. Alle kannten jetzt mei- nen Namen. Sie durften ihn nur nicht aussprechen. Er war mit dem Siegel des Schweigens versehen. Ich hatte es von allem Anfang an gewußt, ich wollte es nur nicht wahrhaben. Ich wollte nicht wissen, daß gegen mich ein Boykott organisiert worden war, diese wirksamste Maßnahme, die eine Gemeinschaft gegen zerset- zende Elemente, wie ich eines war, ergreifen konnte. (SM 27) Nun werden die Vorgeschichte dieses „Komplott[s]“ (SM 25) und die politischen Konturen der bislang so alptraumhaften Szenerie genauer ausgeführt. Wir befin- den uns in einer historisch nicht konkret zu verortenden postrevolutionären Gesellschaft, nach einer mit einem „Blutrausch“ (SM 28) verbundenen „großen Erhebung“ (ebd.), an welcher auch der Protagonist beteiligt war. Nun sind die ehemaligen Revolutionäre feist und skrupellos geworden, dogmatisch und abge- hoben. Sie manipulieren die Öffentlichkeit, verbreiten über die Zeitungen Lügen und lassen Andersdenkende hinrichten. Und sie haben nicht nur Verfügungs- gewalt über das öffentliche, sondern auch über das private Leben der Menschen, sodass sie einen derart umfassenden „Boykott“ lückenlos organisieren können, um Dissidenten auszuschalten. Denn wie sich herausstellt, hat sich der als Nachrichtenredakteur bei einer unverdächtig klingenden Zeitung namens „Stadtanzeiger“ beschäftigte Erzähler einen Akt des Widerstands zuschulden kommen lassen, schelmenhaft zwar, aber das genügte. Gegen die permanente Konstruktion eines äußeren Feindes des namenlos bleibenden Landes, welche „die eigene Bevölkerung in einem dauern- den Zustand nationaler Erregung“ (SM 30) halten sollte, hat er ausgerechnet am 1.  April eine Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur („Stanag“) auf karne- valeske Weise auf den Kopf gestellt. Aus „[E]in Trupp feindlicher Soldaten habe unsere Grenze überschritten und völlig grundlos unsere Wachposten beschos- sen; eine Abteilung unserer wackeren Grenzsoldaten habe jedoch ihr Feuer auf das heftigste erwidert und sie in die Flucht geschlagen“, (SM 30) formte er: Nach einer Meldung der Stanag […] habe am vergangenen Morgen ein Trupp freundlicher Soldaten unsere Grenzen überschritten und völlig grundlos unsere Wachposten mit Blumen beworfen; eine Abteilung unserer Grenzsoldaten habe Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 156 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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