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Alles war still. Man hatte mich in eine Zone des Schweigens gedrängt und nie-
mand war da, der mir erklären konnte, was eigentlich mit mir geschehen war. Ich
wußte nicht, ob ich noch lebte oder schon tot war. Vielleicht war ich schon verges-
sen, ehe ich angefangen hatte, mich bemerkbar zu machen. (SM 27)
Und genau hier kippt der bislang kafkaesk-unheimliche Text ins politisch Kon-
krete:
Aber ich war nicht tot. Und ich war auch nicht vergessen. Alle kannten jetzt mei-
nen Namen. Sie durften ihn nur nicht aussprechen. Er war mit dem Siegel des
Schweigens versehen. Ich hatte es von allem Anfang an gewußt, ich wollte es nur
nicht wahrhaben. Ich wollte nicht wissen, daß gegen mich ein Boykott organisiert
worden war, diese wirksamste Maßnahme, die eine Gemeinschaft gegen zerset-
zende Elemente, wie ich eines war, ergreifen konnte. (SM 27)
Nun werden die Vorgeschichte dieses „Komplott[s]“ (SM 25) und die politischen
Konturen der bislang so alptraumhaften Szenerie genauer ausgeführt. Wir befin-
den uns in einer historisch nicht konkret zu verortenden postrevolutionären
Gesellschaft, nach einer mit einem „Blutrausch“ (SM 28) verbundenen „großen
Erhebung“ (ebd.), an welcher auch der Protagonist beteiligt war. Nun sind die
ehemaligen Revolutionäre feist und skrupellos geworden, dogmatisch und abge-
hoben. Sie manipulieren die Öffentlichkeit, verbreiten über die Zeitungen Lügen
und lassen Andersdenkende hinrichten. Und sie haben nicht nur Verfügungs-
gewalt über das öffentliche, sondern auch über das private Leben der Menschen,
sodass sie einen derart umfassenden „Boykott“ lückenlos organisieren können,
um Dissidenten auszuschalten.
Denn wie sich herausstellt, hat sich der als Nachrichtenredakteur bei einer
unverdächtig klingenden Zeitung namens „Stadtanzeiger“ beschäftigte Erzähler
einen Akt des Widerstands zuschulden kommen lassen, schelmenhaft zwar, aber
das genügte. Gegen die permanente Konstruktion eines äußeren Feindes des
namenlos bleibenden Landes, welche „die eigene Bevölkerung in einem dauern-
den Zustand nationaler Erregung“ (SM 30) halten sollte, hat er ausgerechnet am
1.
April eine Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur („Stanag“) auf karne-
valeske Weise auf den Kopf gestellt. Aus „[E]in Trupp feindlicher Soldaten habe
unsere Grenze überschritten und völlig grundlos unsere Wachposten beschos-
sen; eine Abteilung unserer wackeren Grenzsoldaten habe jedoch ihr Feuer auf
das heftigste erwidert und sie in die Flucht geschlagen“, (SM 30) formte er:
Nach einer Meldung der Stanag […] habe am vergangenen Morgen ein Trupp
freundlicher Soldaten unsere Grenzen überschritten und völlig grundlos unsere
Wachposten mit Blumen beworfen; eine Abteilung unserer Grenzsoldaten habe
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
156 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918