Web-Books
im Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Geschichte
Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Seite - 160 -
  • Benutzer
  • Version
    • Vollversion
    • Textversion
  • Sprache
    • Deutsch
    • English - Englisch

Seite - 160 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

Bild der Seite - 160 -

Bild der Seite - 160 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

Text der Seite - 160 -

3. Totalitarismuskritik und Totalitarismustheorie: Wenn Milo Dor in seinen Texten die Frage des Totalitarismus aufgreift, dann weniger um mittels einer simplifizierenden Gleichsetzung aus der Erfahrung des Nationalsozialismus einen rabiaten Anti-Kommunismus abzuleiten, wie das etwa Friedrich Torberg tat, sondern um grundsätzlicher die Gefahr diktatorischer, menschenverachten- der und kriegstreibender Herrschaftsformen im 20.  Jahrhundert zur Sprache zu bringen. So ist Dors Totalitarismusverständnis weniger kongruent mit der pro- pagandistisch-rhetorischen Dimension des Begriffes, sondern eher mit den davon inspirierten zeitgenössischen Totalitarismustheorien, deren Hauptwerke in zeit- licher Nähe zu Salto mortale erschienen sind.73 Ohne dass sich Dors Erzählung explizit auf diese beziehen würde, lassen sich darin doch einige von deren zentralen Befunden wiederfinden. So haben in Salto mortale die Machthaber Durchgriff auf sämtliche Lebensbereiche der Bevölkerung. Die Trennung von Politischem und Privatem ist aufgehoben, ein Phänomen, das in allen Totalita- rismustheorien als zentral hervorgehoben wird. Ebenso charakteristisch für totalitäre Systeme ist der Aufbau einer ständigen Bedrohung durch äußere und innere Feinde. Totalitäre Herrschaftsapparate sind nach Arendt bestrebt, niemals gesicherte, stabile Verhältnisse eintreten zu las- sen. Es müssen immer wieder Gegner und Verräter ausgemacht werden, es muss immer wieder denunziert und „gesäubert“ werden, soll der Herrschaftsmecha- nismus funktionieren. Genau gegen diese diskursive Konstruktion richtet sich der subversive Akt von Dors Protagonisten. Die empfindliche Reaktion des Sys- tems zeigt, dass er hier einen seiner Lebensnerven getroffen hat. Arendt hat in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft auch die totale Ver- fügungsgewalt des Herrschaftsapparats und dessen Möglichkeit, jede Existenz jederzeit auslöschen zu können, herausgestellt. Die Individuen werden „in ihrem eigenen Lande so vogelfrei […] wie sonst nur Staaten- und Heimatlose. Die Ent- rechtung des Menschen, die Tötung der juristischen Person in ihm ist Vorbe- dingung für sein totales Beherrschtsein …“74 Dors Protagonist verschwindet zwischenzeitlich aus der Gesellschaft, als ob er nie existiert hätte. Und noch in der Schlusspointe, der unerzwungenen Denunziation, schließt Dors Erzählung an die zeitgenössischen Totalitarismustheorien an. Denn die „menschlichen Beziehungen in der totalitären Gesellschaft“ sind, so Arendt, durch ein ständi- ges gegenseitiges Misstrauen, eine „universale Verdächtigkeit“ unterminiert, durch eine „Atmosphäre, in der wissentlich oder unwissentlich jeder jeden bespit- zelt, jeder sich als Agent herausstellen kann, jeder sich ständig bedroht fühlen 73 Neben Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (engl. 1951, dt. 1955, von d. Verf. neu bearbeitete dt. Ausgabe 1958) auch Carl Friedrichs und Zbigniew Brzezinskis Totalitäre Diktatur (engl. 1956, dt. 1957). 74 Arendt: Elemente und Ursprünge, S. 660. Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 160 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
zurück zum  Buch Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur"
Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
Web-Books
Bibliothek
Datenschutz
Impressum
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Diskurse des Kalten Krieges