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3. Totalitarismuskritik und Totalitarismustheorie: Wenn Milo Dor in seinen
Texten die Frage des Totalitarismus aufgreift, dann weniger um mittels einer
simplifizierenden Gleichsetzung aus der Erfahrung des Nationalsozialismus
einen rabiaten Anti-Kommunismus abzuleiten, wie das etwa Friedrich Torberg
tat, sondern um grundsätzlicher die Gefahr diktatorischer, menschenverachten-
der und kriegstreibender Herrschaftsformen im 20.
Jahrhundert zur Sprache zu
bringen. So ist Dors Totalitarismusverständnis weniger kongruent mit der pro-
pagandistisch-rhetorischen Dimension des Begriffes, sondern eher mit den davon
inspirierten zeitgenössischen Totalitarismustheorien, deren Hauptwerke in zeit-
licher Nähe zu Salto mortale erschienen sind.73 Ohne dass sich Dors Erzählung
explizit auf diese beziehen würde, lassen sich darin doch einige von deren
zentralen Befunden wiederfinden. So haben in Salto mortale die Machthaber
Durchgriff auf sämtliche Lebensbereiche der Bevölkerung. Die Trennung von
Politischem und Privatem ist aufgehoben, ein Phänomen, das in allen Totalita-
rismustheorien als zentral hervorgehoben wird.
Ebenso charakteristisch für totalitäre Systeme ist der Aufbau einer ständigen
Bedrohung durch äußere und innere Feinde. Totalitäre Herrschaftsapparate sind
nach Arendt bestrebt, niemals gesicherte, stabile Verhältnisse eintreten zu las-
sen. Es müssen immer wieder Gegner und Verräter ausgemacht werden, es muss
immer wieder denunziert und „gesäubert“ werden, soll der Herrschaftsmecha-
nismus funktionieren. Genau gegen diese diskursive Konstruktion richtet sich
der subversive Akt von Dors Protagonisten. Die empfindliche Reaktion des Sys-
tems zeigt, dass er hier einen seiner Lebensnerven getroffen hat.
Arendt hat in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft auch die totale Ver-
fügungsgewalt des Herrschaftsapparats und dessen Möglichkeit, jede Existenz
jederzeit auslöschen zu können, herausgestellt. Die Individuen werden „in ihrem
eigenen Lande so vogelfrei […] wie sonst nur Staaten- und Heimatlose. Die Ent-
rechtung des Menschen, die Tötung der juristischen Person in ihm ist Vorbe-
dingung für sein totales Beherrschtsein …“74 Dors Protagonist verschwindet
zwischenzeitlich aus der Gesellschaft, als ob er nie existiert hätte. Und noch in
der Schlusspointe, der unerzwungenen Denunziation, schließt Dors Erzählung
an die zeitgenössischen Totalitarismustheorien an. Denn die „menschlichen
Beziehungen in der totalitären Gesellschaft“ sind, so Arendt, durch ein ständi-
ges gegenseitiges Misstrauen, eine „universale Verdächtigkeit“ unterminiert,
durch eine „Atmosphäre, in der wissentlich oder unwissentlich jeder jeden bespit-
zelt, jeder sich als Agent herausstellen kann, jeder sich ständig bedroht fühlen
73 Neben Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (engl. 1951, dt. 1955, von d. Verf.
neu bearbeitete dt. Ausgabe 1958) auch Carl Friedrichs und Zbigniew Brzezinskis Totalitäre
Diktatur (engl. 1956, dt. 1957).
74 Arendt: Elemente und Ursprünge, S. 660.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
160 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918