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zu einem „sozialen Disziplinierungsmittel“111 wurde. Hans Weigel, der ansons-
ten mit harten publizistischen Bandagen gegen die kommunistische „Bedro-
hung“ zu Felde zog, betonte, dass „Gegnerschaft und Diskriminierung“ zweier-
lei Sachverhalte seien und sich die Demokratie in ihrem Kampf nicht totalitärer
Mittel bedienen dürfe: „Solange es in Österreich eine legale KP gibt, hat jeder
das Recht, ihr anzugehören und mit ihr zu sympathisieren, sofern er dabei nicht
gegen die Gesetze verstößt. Der Kampf gegen den Kommunismus darf nie zur
Verfolgung entarten, sonst ähneln hiesige ungeschriebene ,Russengesetze‘ den
unseligen Rassengesetzen, sonst treiben wir den totalitären Teufel mit einem
ebenso totalitären Beelzebub aus.“112
Ernst Hinterbergers Erstlingsroman Beweisaufnahme (1965)113 setzt sich mit
dieser Methode, „den totalitären Teufel“ mit dem „totalitären Beelzebub“ aus-
zutreiben, literarisch auseinander. Im Zuge eines Verhörs wird nicht nur das
Schicksal des österreichischen Opportunisten Franz Wehofer dargestellt, son-
dern auch dessen Verhalten gegenüber zwei totalitären Diktaturen. Wehofer, als
Jugendlicher in der HJ und nach 1945 bei der Freien Österreichischen Jugend
(FÖJ), einer Tarnorganisation der KPÖ, hat sich – wie er zu Protokoll gibt – nicht
anders verhalten, als alle anderen Österreicherinnen und Österreicher. Die Figur
Wehofer dient Hinterberger einerseits dazu, politischen Opportunismus anzu-
prangern, aber auch das Verhalten des Einzelnen gegenüber dem totalitären Sys-
tem. Die eigentliche Pointe des Textes ist jedoch, dass sich die Demokratie tota-
litärer Methoden bedient, um an benötigte Informationen zu kommen, wie die
zentrale Verhörszene, in der Wehofer durch zwei Staatspolizisten befragt wird,
deutlich macht. Durch die Aneinanderreihung markanter zeitgeschichtlicher
Daten von 1934 bis in die 1960er-Jahre entwirft Hinterberger ein Narrativ der
Kontinuität des politischen Opportunismus, der von den Faschismen in die
Zweite Republik hinüberreicht.
Am Beginn des Romans wird der Protagonist mittels einer Postkarte dazu auf-
gefordert, sich „gemäß dem AAVG und dessen § 2, C […] zu einer mündlichen
Beweisaufnahme“ (BA 15) einzufinden. Die „Beweisaufnahme“ gegen Wehofer
findet in der Bundespolizeidirektion statt, wo ihm die Staatspolizisten Horak und
Kirchpichler in verklausuliertem Juristendeutsch erklären, gegen ihn eine „Verfah-
renshandlung durchzuführen.“ (BA 24) Die Beweisaufnahme gerät zu einer Über-
prüfung des Individuums und seines Verhaltens gegenüber den Diktaturen, die
allen rechtstaatlichen Prinzipien widerspricht. Die Staatspolizisten geben nie
bekannt, woher sie ihre Information über Wehofers Biographie beziehen, es wird
111 Wippermann: Totalitarismustheorien, S. 48.
112 Hans Weigel: Glosse. In: Welt am Montag, 6.3.1950, S. 5.
113 Ernst Hinterberger: Beweisaufnahme. Wien: Zsolnay 1965 [Im Folgenden abgek. mit BA].
Elemente des Totalitarismus jenseits der staatlichen Diktatur 175
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918