Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Geschichte
Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Page - 175 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 175 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

Image of the Page - 175 -

Image of the Page - 175 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

Text of the Page - 175 -

zu einem „sozialen Disziplinierungsmittel“111 wurde. Hans Weigel, der ansons- ten mit harten publizistischen Bandagen gegen die kommunistische „Bedro- hung“ zu Felde zog, betonte, dass „Gegnerschaft und Diskriminierung“ zweier- lei Sachverhalte seien und sich die Demokratie in ihrem Kampf nicht totalitärer Mittel bedienen dürfe: „Solange es in Österreich eine legale KP gibt, hat jeder das Recht, ihr anzugehören und mit ihr zu sympathisieren, sofern er dabei nicht gegen die Gesetze verstößt. Der Kampf gegen den Kommunismus darf nie zur Verfolgung entarten, sonst ähneln hiesige ungeschriebene ,Russengesetze‘ den unseligen Rassengesetzen, sonst treiben wir den totalitären Teufel mit einem ebenso totalitären Beelzebub aus.“112 Ernst Hinterbergers Erstlingsroman Beweisaufnahme (1965)113 setzt sich mit dieser Methode, „den totalitären Teufel“ mit dem „totalitären Beelzebub“ aus- zutreiben, literarisch auseinander. Im Zuge eines Verhörs wird nicht nur das Schicksal des österreichischen Opportunisten Franz Wehofer dargestellt, son- dern auch dessen Verhalten gegenüber zwei totalitären Diktaturen. Wehofer, als Jugendlicher in der HJ und nach 1945 bei der Freien Österreichischen Jugend (FÖJ), einer Tarnorganisation der KPÖ, hat sich – wie er zu Protokoll gibt – nicht anders verhalten, als alle anderen Österreicherinnen und Österreicher. Die Figur Wehofer dient Hinterberger einerseits dazu, politischen Opportunismus anzu- prangern, aber auch das Verhalten des Einzelnen gegenüber dem totalitären Sys- tem. Die eigentliche Pointe des Textes ist jedoch, dass sich die Demokratie tota- litärer Methoden bedient, um an benötigte Informationen zu kommen, wie die zentrale Verhörszene, in der Wehofer durch zwei Staatspolizisten befragt wird, deutlich macht. Durch die Aneinanderreihung markanter zeitgeschichtlicher Daten von 1934 bis in die 1960er-Jahre entwirft Hinterberger ein Narrativ der Kontinuität des politischen Opportunismus, der von den Faschismen in die Zweite Republik hinüberreicht. Am Beginn des Romans wird der Protagonist mittels einer Postkarte dazu auf- gefordert, sich „gemäß dem AAVG und dessen §  2, C […] zu einer mündlichen Beweisaufnahme“ (BA 15) einzufinden. Die „Beweisaufnahme“ gegen Wehofer findet in der Bundespolizeidirektion statt, wo ihm die Staatspolizisten Horak und Kirchpichler in verklausuliertem Juristendeutsch erklären, gegen ihn eine „Verfah- renshandlung durchzuführen.“ (BA 24) Die Beweisaufnahme gerät zu einer Über- prüfung des Individuums und seines Verhaltens gegenüber den Diktaturen, die allen rechtstaatlichen Prinzipien widerspricht. Die Staatspolizisten geben nie bekannt, woher sie ihre Information über Wehofers Biographie beziehen, es wird 111 Wippermann: Totalitarismustheorien, S. 48. 112 Hans Weigel: Glosse. In: Welt am Montag, 6.3.1950, S. 5. 113 Ernst Hinterberger: Beweisaufnahme. Wien: Zsolnay 1965 [Im Folgenden abgek. mit BA]. Elemente des Totalitarismus jenseits der staatlichen Diktatur 175
back to the  book Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur"
Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Title
Diskurse des Kalten Krieges
Subtitle
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2017
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Size
15.9 x 24.0 cm
Pages
742
Categories
Geschichte Nach 1918
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Diskurse des Kalten Krieges