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ren hat historische Entsprechungen, die sich etwa in den Annäherungen zwi-
schen der KPÖ und der „Nationalen Liga“ in der Nachkriegszeit zeigen. Ernst
Fischer verhandelte mit deren Anführer, dem ehemalige SS-Obersturmbann-
führer Adolf Slavik, über Beitritte ehemaliger Nationalsozialisten in die FÖJ bzw.
die KPÖ.116
Im Laufe des Verhörs kommt Wehofer „das Ungeheuerliche dieser allen Geset-
zen spottenden Beweisaufnahme zu Bewußtsein“:
Woher nahm ein Staat, der angeblich demokratisch war und alle totalitären Syste-
me lautstark und scheinheilig schmähte, das Recht, solche Eingriffe in die Privat-
sphäre seiner unbescholtenen Bürger vorzunehmen? Wenn es aber nicht der Staat
in seiner Gesamtheit war – woher nahmen dann irgendwelche Terroristen, die
sich damit auf eine Stufe mit Bandenhäuptlingen, Freischärlern und ähnlichem
Gesindel stellten, die beinahe unfaßbare Frechheit, derlei anzuordnen? (BA 64)
Die beiden Staatspolizisten stellen sich für ihn als entmenschlicht, als „mecha-
nische Puppen“ dar, als „willenlose Kreaturen einer unfaßbaren, immer im Hin-
tergrund bleibenden Organisation oder Persönlichkeit“ (BA 65). Zuletzt muss
Wehofer einsehen, dass auch „die größeren Bonzen“ nur „Rädchen, Teile einer
gewaltigen, teuflischen Maschine“ (BA 104) sind:
Jeder trieb oder wurde getrieben – und es war eigentlich ganz gleichgültig, ob man
zu einer Herde oder ihren Treibern gehörte, weil die Chancen gleichmäßig verteilt
waren. Es gab weder ein absolutes Oben noch ein Unten, sondern bloß den konti-
nuierlichen, gesetzmäßigen Wechsel. (BA 104)
Seine Verstrickung in die totalitären Systeme sowie sein Opportunismus treiben
Wehofer nach Ende des Verhörs in den Selbstmord, weil er sein Leben als geschei-
tert ansieht, als eine „Aneinanderreihung mehr oder weniger großer Gemein-
heiten“ (BA 216).
Wie bereits in der Titelei mittels Zitaten aus Zeitungsausschnitten signalisiert
wird, greift Hinterbergers Roman einen zeitgeschichtlichen Skandal auf, der die
Zweite Republik hinsichtlich ihrer demokratischen Prinzipien erschütterte. In
einem Interview enthüllte der österreichische Innenminister Franz Olah Ende
Januar 1964, dass die österreichische Staatspolizei die Bevölkerung bespitzle und
Oberösterreich am Beispiel VOEST und Steyr-Daimler-Puch. Linz. OÖLA 1995, S.
389, zit. n.
Michael Kraus: „Kultura“. Der Einfluss der sowjetischen Besatzung auf die österreichische Kul-
tur 1945–1955. Wien: Univ.-Dipl. 2008, S. 283.
116 Vgl. Wolfgang Mueller: Die sowjetische Besatzung in Österreich 1945–1955 und ihre politische
Mission. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2005, S. 215.
Elemente des Totalitarismus jenseits der staatlichen Diktatur 177
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918