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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Seite - 198 -
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Marakow: ...  besitzt er ihn noch, Genosse Krasin, als Partikel, als Teil, als Glied der Masse? Hat er ihn nicht längst verloren? Preisgegeben in der Angst? Wie? [...] ja, das alles weiß er, und dennoch schreitet er in den Armeen der Weltkriege bewußt den Todesmarsch in Kolonnen, wie die Lemminge! (seherisch) Und ich schaue noch größere Kolonnen, Armeen, diszipliniert, Gehorsam vorgebildet durch Par- teien  ... (leise, innig) und jeder dieser Menschen lebt sein kleines Leben, jeder von ihnen ist gut, aber alle zusammen? (RO 82  f.) Die Masse korrumpiert also ‚den‘ Menschen, indem sie ihn diszipliniert, seine Individualität auslöscht und damit leitet sie in der Perspektive des Stückes unwei- gerlich seinen Untergang ein, wie die krude Analogie Massengesellschaft – Lem- minge deutlich machen soll.39 Marakows seherische Fähigkeiten, die noch „größere Kolonnen, Armeen“ erahnen lassen, fügen sich in zeitgenössische Vorstellungen von einem drohen- den dritten Weltkrieg, der aus katholischer Perspektive mangelnde Gottesfürch- tigkeit zum Grund haben würde. Man befürchtete einen Krieg, der von der Sow- jetunion ausgehen würde und als Strafe Gottes für die Säkularisierung und den Atheismus der Moderne gedeutet wurde.40 Angesichts solcher Ängste stieg laut Scheer die Anzahl der Marienerscheinungen in Europa zwischen 1947 und 1954 gegenüber den Dekaden davor und danach um das Dreifache.41 Auch Becsi pro- phezeite noch 1971 in einem essayistischen Werk einen dritten Weltkrieg mit Bezug auf das Johannes-Evangelium.42 Die Visionen aufmarschierender und kämpfender Armeen lassen das Moment der Masse insgesamt als problematisch erscheinen und verschmelzen in Russi- sche Ostern mit der Vorstellung eines Systems, das nach weltlicher Macht strebt und mit materiellen Gewaltmitteln arbeitet. Diese diskursive Konstruktion wird in der österreichischen Rezeption des Stücks besonders hervorgehoben: Die große Antithese: Individuum-Kollektiv bildet das Rückgrat von Becsis erns- tem, theologisch-philosophischem Bühnenwerk, das die unausbleiblichen, er- tötenden und ausdörrenden Folgen einer totalen Kollektivisierung bis in seine letzten Konsequenzen weiterdenkt, so daß der Todeszug der Lemminge [...] zum 39 Diesen Schluss aus der Lektüre von Russische Ostern zieht auch Roessler: Studien zur Ausein- andersetzung mit Faschismus und Krieg, S.  178: „Die Dichotomie Masse – Individuum bleibt dabei meist das Kernthema, um das die Handlung gebaut ist. Der Staatspreisträger Kurt Becsi versucht gleichsam den dramatisierten ‚Beweis‘ des angeblich determinierten Untergangs jedes Kollektivs zu liefern.“ 40 Scheer: Catholic Piety, S.  133. 41 Ebd., S. 134. 42 Vgl. Kurt Becsi: Aufmarsch zur Apokalypse. Große Allianz oder dritter Weltkrieg? Wien, Ham- burg: Zsolnay 1971. Vgl. N.N.: Chinesen vor Jerusalem. In: Der Spiegel, 31.5.1971, S.  126  f. Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 198 5 Materialismus versus Christentum
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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