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Marakow: ...
besitzt er ihn noch, Genosse Krasin, als Partikel, als Teil, als Glied der
Masse? Hat er ihn nicht längst verloren? Preisgegeben in der Angst? Wie? [...] ja,
das alles weiß er, und dennoch schreitet er in den Armeen der Weltkriege bewußt
den Todesmarsch in Kolonnen, wie die Lemminge! (seherisch) Und ich schaue
noch größere Kolonnen, Armeen, diszipliniert, Gehorsam vorgebildet durch Par-
teien
... (leise, innig) und jeder dieser Menschen lebt sein kleines Leben, jeder von
ihnen ist gut, aber alle zusammen? (RO 82 f.)
Die Masse korrumpiert also ‚den‘ Menschen, indem sie ihn diszipliniert, seine
Individualität auslöscht und damit leitet sie in der Perspektive des Stückes unwei-
gerlich seinen Untergang ein, wie die krude Analogie Massengesellschaft – Lem-
minge deutlich machen soll.39
Marakows seherische Fähigkeiten, die noch „größere Kolonnen, Armeen“
erahnen lassen, fügen sich in zeitgenössische Vorstellungen von einem drohen-
den dritten Weltkrieg, der aus katholischer Perspektive mangelnde Gottesfürch-
tigkeit zum Grund haben würde. Man befürchtete einen Krieg, der von der Sow-
jetunion ausgehen würde und als Strafe Gottes für die Säkularisierung und den
Atheismus der Moderne gedeutet wurde.40 Angesichts solcher Ängste stieg laut
Scheer die Anzahl der Marienerscheinungen in Europa zwischen 1947 und 1954
gegenüber den Dekaden davor und danach um das Dreifache.41 Auch Becsi pro-
phezeite noch 1971 in einem essayistischen Werk einen dritten Weltkrieg mit
Bezug auf das Johannes-Evangelium.42
Die Visionen aufmarschierender und kämpfender Armeen lassen das Moment
der Masse insgesamt als problematisch erscheinen und verschmelzen in Russi-
sche Ostern mit der Vorstellung eines Systems, das nach weltlicher Macht strebt
und mit materiellen Gewaltmitteln arbeitet. Diese diskursive Konstruktion wird
in der österreichischen Rezeption des Stücks besonders hervorgehoben:
Die große Antithese: Individuum-Kollektiv bildet das Rückgrat von Becsis erns-
tem, theologisch-philosophischem Bühnenwerk, das die unausbleiblichen, er-
tötenden und ausdörrenden Folgen einer totalen Kollektivisierung bis in seine
letzten Konsequenzen weiterdenkt, so daß der Todeszug der Lemminge [...] zum
39 Diesen Schluss aus der Lektüre von Russische Ostern zieht auch Roessler: Studien zur Ausein-
andersetzung mit Faschismus und Krieg, S. 178: „Die Dichotomie Masse – Individuum bleibt
dabei meist das Kernthema, um das die Handlung gebaut ist. Der Staatspreisträger Kurt Becsi
versucht gleichsam den dramatisierten ‚Beweis‘ des angeblich determinierten Untergangs jedes
Kollektivs zu liefern.“
40 Scheer: Catholic Piety, S. 133.
41 Ebd., S. 134.
42 Vgl. Kurt Becsi: Aufmarsch zur Apokalypse. Große Allianz oder dritter Weltkrieg? Wien, Ham-
burg: Zsolnay 1971. Vgl. N.N.: Chinesen vor Jerusalem. In: Der Spiegel, 31.5.1971, S. 126 f.
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198 5 Materialismus versus Christentum
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918