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lager [ist], als das es Kravchenko in seinem Buch dargestellt hat“.29 Das Schwei-
gen über den Gulag war zwar nun gebrochen, die historische Evidenz der Lager
und der dort herrschenden Zustände wurde aber trotz aller Zeugenaussagen
noch lange nicht allgemein akzeptiert. Selbst in der klar antikommunistisch aus-
gerichteten österreichischen Arbeiter-Zeitung musste der prekären diskursi-
ven Situation noch 1951 Tribut gezollt und ein Bericht über das „KZ ohne Gren-
zen“ Karaganda mit dem Ansprechen möglicher Zweifel eingeleitet werden, die
nun aber ausgeräumt werden sollten. „Der nachfolgende Bericht stammt von
einem Augenzeugen. Er mag in vielem unwahrscheinlich klingen. Daß er der
Wahrheit entspricht, werden die wenigen, die der Hölle Karaganda entronnen
sind, bestätigen.“30 Das Sprechen – und das Schweigen – über den Gulag fanden
auch in den folgenden Jahren innerhalb des bipolaren diskursiven Koordinaten-
systems des Kalten Krieges statt. Während die Existenz des Gulag für die eine
Seite eine bösartige Propagandalüge darstellte oder zumindest von groben Über-
treibungen gekennzeichnet war, bildete er für die andere Seite den Beweis für
die Unmenschlichkeit des Kommunismus und die Bedrohung, die von ihm aus-
ging. Das gilt auch für die österreichische Literatur des Kalten Krieges.
Schreckensszenario Sibirien
Es lässt sich nicht behaupten, dass sich die österreichische Nachkriegsliteratur
ausführlich mit dem Thema der sowjetischen Zwangsarbeitslager auseinander
gesetzt hätte, allerdings taucht der Gulag als meist nicht näher ausgestaltetes
Schreckensszenario, als verborgener Abgrund des Kommunismus immer wieder
auf,31 oft metonymisch verschoben zu dem Kürzel „Sibirien“. Darin verdichten
sich klimatische, topographische und historische Konnotationen: die enorme
Kälte, die Abgelegenheit sowie die Nutzung dieser Region als Verbannungsort
seit zaristischen Zeiten. Und das betrifft nicht nur die österreichische Literatur.
Bereits 1935 formuliert Olga Dimitriewna, eine ehemalige Professorin an der
Petersburger Universität, die 1923 verhaftet wurde und mehr als acht Jahre in
russischen Gefängnissen und Lagern verbrachte:
Sibirien … Es wird wenige Worte geben, die in der Phantasie der ganzen Welt ein
solches Bild hervorrufen, wie dieses. Verbannung, schreiendes Elend, Unrecht,
29 Alfred Kellner: Eine Diktatur auf der Anklagebank. In: Der Monat 2 (1949) H. 8–9, S. 153–
156, hier S. 154.
30 Anonym: Karaganda – das KZ ohne Grenzen. In: Arbeiter-Zeitung, 24.3.1951, S. 5.
31 „[…] die unersättlichen Reservoirs der östlichen Zwangsarbeitslager“ heißt es in Internationa-
le Zone (IZ 136).
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236 6 Österreichische Gulag-Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918