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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Page - 236 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

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lager [ist], als das es Kravchenko in seinem Buch dargestellt hat“.29 Das Schwei- gen über den Gulag war zwar nun gebrochen, die historische Evidenz der Lager und der dort herrschenden Zustände wurde aber trotz aller Zeugenaussagen noch lange nicht allgemein akzeptiert. Selbst in der klar antikommunistisch aus- gerichteten österreichischen Arbeiter-Zeitung musste der prekären diskursi- ven Situation noch 1951 Tribut gezollt und ein Bericht über das „KZ ohne Gren- zen“ Karaganda mit dem Ansprechen möglicher Zweifel eingeleitet werden, die nun aber ausgeräumt werden sollten. „Der nachfolgende Bericht stammt von einem Augenzeugen. Er mag in vielem unwahrscheinlich klingen. Daß er der Wahrheit entspricht, werden die wenigen, die der Hölle Karaganda entronnen sind, bestätigen.“30 Das Sprechen – und das Schweigen – über den Gulag fanden auch in den folgenden Jahren innerhalb des bipolaren diskursiven Koordinaten- systems des Kalten Krieges statt. Während die Existenz des Gulag für die eine Seite eine bösartige Propagandalüge darstellte oder zumindest von groben Über- treibungen gekennzeichnet war, bildete er für die andere Seite den Beweis für die Unmenschlichkeit des Kommunismus und die Bedrohung, die von ihm aus- ging. Das gilt auch für die österreichische Literatur des Kalten Krieges. Schreckensszenario Sibirien Es lässt sich nicht behaupten, dass sich die österreichische Nachkriegsliteratur ausführlich mit dem Thema der sowjetischen Zwangsarbeitslager auseinander gesetzt hätte, allerdings taucht der Gulag als meist nicht näher ausgestaltetes Schreckensszenario, als verborgener Abgrund des Kommunismus immer wieder auf,31 oft metonymisch verschoben zu dem Kürzel „Sibirien“. Darin verdichten sich klimatische, topographische und historische Konnotationen: die enorme Kälte, die Abgelegenheit sowie die Nutzung dieser Region als Verbannungsort seit zaristischen Zeiten. Und das betrifft nicht nur die österreichische Literatur. Bereits 1935 formuliert Olga Dimitriewna, eine ehemalige Professorin an der Petersburger Universität, die 1923 verhaftet wurde und mehr als acht Jahre in russischen Gefängnissen und Lagern verbrachte: Sibirien … Es wird wenige Worte geben, die in der Phantasie der ganzen Welt ein solches Bild hervorrufen, wie dieses. Verbannung, schreiendes Elend, Unrecht, 29 Alfred Kellner: Eine Diktatur auf der Anklagebank. In: Der Monat 2 (1949) H.  8–9, S.  153– 156, hier S.  154. 30 Anonym: Karaganda – das KZ ohne Grenzen. In: Arbeiter-Zeitung, 24.3.1951, S. 5. 31 „[…] die unersättlichen Reservoirs der östlichen Zwangsarbeitslager“ heißt es in Internationa- le Zone (IZ  136). Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 236 6 Österreichische Gulag-Literatur
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Title
Diskurse des Kalten Krieges
Subtitle
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2017
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Size
15.9 x 24.0 cm
Pages
742
Categories
Geschichte Nach 1918
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