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tes hebt die unmenschliche Behandlung der Gefangenen hervor und zeigt aus
der Perspektive des Protagonisten auch, wie dieser versucht, die Insassen des
Güterwaggons nicht als menschliche Individuen wahrzunehmen, um dadurch
jede Empathie seinerseits im Keim zu ersticken.
[A]ls wir näherkamen, sahen wir Augen und Münder hinter einem kleinen vergit-
terten Fenster, und ein Gestank wie von einer Menagerie verbreitete sich um uns.
Keiner von uns hatte Lust, sich den Unglückswagen näher anzusehen, […] Die
Gefangenen riefen den ganzen Tag nach Wasser. Zu Anfang bemühte ich mich,
mein Gesicht wegzudrehen, so oft ich an ihnen vorbeiging, aber dann wurde mir
das zu mühsam, und ich verzichtete darauf; ich gewöhnte mich auch an ihr Ge-
schrei. […] für uns waren sie nur auf der Welt, um bewacht zu werden, und am
liebsten hätten wir die ganze Zeit geraucht, um den infernalischen Gestank nicht
zu riechen, der von ihnen ausging. (HL 285 f.)
Federmanns Beschreibung der Qualen des Transports in den Gulag entspricht
in wesentlichen Zügen den Schilderungen der Stalin-Opfer, wie sie in ihren
Erlebnisberichten nachzulesen sind. Immer wieder wird der Wasserentzug wäh-
rend des Transports hervorgehoben und „in nahezu allen Memoiren werden die
Schrecken der kleinen und der großen Notdurft beschrieben“.37 Ein am 24.
März
1951 in der Arbeiter-Zeitung veröffentlichter Artikel könnte Federmann als
konkrete Quelle für diese Episode gedient haben. Darin beschreibt ein Gulag-Über-
lebender, dass die Transporte nach Karaganda oft noch schlimmer waren als das
Leben in Karaganda selbst.
Wochenlang fuhren die Strafgefangenen durch die flimmernd heißen Steppen
und sehr oft erhielten sie, wenn sie quälenden Hunger hatten, nur dick eingesalze-
ne Trockenfische zu essen und nachher drei bis vier Tage keinen Schluck Wasser.
Heiser und halb irrsinnig tönten dann die verzweifelten Rufe nach dem ‚Woda‘ aus
dem Zug. Die Ruhr und der Typhus waren die Folgen dieses Martyriums, und der
chronische Durchfall, den sie mit sich bringen und der zu einem völligen Versa-
gen des Afterschließmuskels führt, nahm dem geschwächten Körper die letzten
Kräfte des Widerstandes.38
Das Ziel der Reise, das Lager, nimmt Schindler in der Morgendämmerung nur
undeutlich wahr, emblematisch der Stacheldraht und die hölzernen Wachtürme
(HL 289). Die Beschreibung des nächtlichen Ausladens der Gefangenen erinnert
an die Rampe der nationalsozialistischen Konzentrationslager: aggressiv brül-
37 Applebaum: Gulag, S. 192.
38 Anonym: Karaganda – das KZ ohne Grenzen., S. 5. Deportation und Desillusion 239
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918