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the follies of the totalitarian system are scathingly exposed.“61 Ganz anders die
Perspektive des kommunistischen Worker, der den Text als Vertreter einer alt-
modischen Anti-Sowjet-Literatur abtut: „a crude imitation of Koestler“62 –
gemeint ist der bekannteste Autor der anti-stalinistischen Renegatenliteratur,
Arthur Koestler, der mit seinem 1940 in England erschienenen Darkness at Noon
(dt.: Sonnenfinsternis, 1946) weltberühmt geworden ist. Die Puppen von Poshansk
würde die gleichen altbekannten Unwahrheiten verbreiten, so der Worker:
„Russians have slave camps in Siberia, their beds are full of bugs, their hospitals
have no doctors, and any foreigner who still likes the Soviet Union after seeing
it must be a half-wit.“63 Wenig überraschend für eine kommunistische Zeitung,
wird auch hier die Existenz des Gulag rundweg bestritten.
Die Rezeption des Romans im deutschsprachigen Raum war deutlich gerin-
ger, mit bemerkenswerten Ausnahmen: einer fünfseitigen Titelgeschichte im
Spiegel vom 27. August 1952 und einer ausführlichen Besprechung in der von
Hans-Werner Richter herausgegebenen kurzlebigen Zeitschrift Die Literatur.64
Der anonym erschienene Spiegel-Artikel, dem offensichtlich ein Gespräch mit
dem Autor voranging, nimmt das Erscheinen der Puppen von Poshansk zum
Anlass einer eingehenden und sehr lobenden Darstellung von Neumanns bis-
herigem Werk im Allgemeinen und dem neuen Roman im Besonderen. Aus-
gangspunkt des Artikels ist Neumanns literarische Auseinandersetzung mit dem
Gulag, die als gezielte politische Provokation gedeutet wird. Der Autor habe sich
[…] in östlichen Augen eines Kapitalverbrechens schuldig gemacht: er hat sich
mit jenen zehn Millionen Vergessenen beschäftigt, die im größten Sklaventerrito-
rium der Weltgeschichte zwischen Eismeer, Ochotskischem Meer und der Taiga
dahinvegetieren und absterben.65
Der Artikel berichtet von Neumanns Begegnung mit Elinor Lipper, beschreibt
ausführlich den Inhalt des Romans und hält fest, dass sich der Text trotz seiner
61 Scotsman, 3.7.1952.
62 Worker, 12.6.1952.
63 Ebd.
64 Wolfgang Bächler: Robert Neumanns Puppenspiele. In: Die Literatur, 15.5.1952, S. 4. Zu
erwähnen ist auch, dass am 3.11.1955 im deutschen Südwestfunk ein Fernsehspiel nach Neu-
manns Roman ausgestrahlt wurde. Inszeniert wurde es von Karl Peter Biltz und in einer kur-
zen Rezension darüber in der Zeit heißt es, dass Biltz „das buntbewegte Panorama auf ein
Kammerspiel [reduzierte]. Ein Verfahren, durch das viel von den grauenhaften Hintergründen
verdeckt blieb, aber eine Intensität des Grundkonflikts – wie weit läßt sich der Mensch mecha-
nisieren? – gewonnen wurde, die in Neumanns Roman ihrerseits durch eine Überfülle grotes-
ker Details zugedeckt ist.“ E. V.: Sibirien ist nicht weit. In: Die Zeit (1955) Nr. 45, S. 20.
65 N.N.: Perversion, S. 29.
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250 6 Österreichische Gulag-Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918